Ian_kaler: o.T. (Incipient Futures) © Eva Würdinger
© Eva Würdinger | Bild: Eva Würdinger

Hebbel am Ufer - "o.T. (Incipient Futures)"

Bewertung:

Spannungsreich, dynamisch, humorvoll - der junge Choreograf Ian Kaler zeigt seine neue Performance. Frank Schmid war überrascht ...

Schon mit seinen ersten Stücken hat der junge Choreograph Ian Kaler für Aufsehen gesorgt. Schon 2010, beim Abschluss seines Studiums am Berliner Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz oder 2012 bei der Eröffnung der Tanztage, der Berliner Talent-Plattform, Startpunkt für etliche Karrieren heute bedeutender Tanzkünstler*innen. Im Hebbel am Ufer zeigt Ian Kaler derzeit seine neue Produktion "Incipient Futures", frei übersetzt: "Beginnende Zukünfte".

Konzentration auf das Ungefähre, unbestimmte Räume in jeder Hinsicht

Eine Formulierung, hinter der sich letztlich ein Hauptthema von Ian Kaler verbirgt, ein Thema, das er seit seinen Anfängen verfolgt, damals noch als An Kaler, eine Identitäts-Zuschreibung, die er hinter sich gelassen hat – seine Konzentration auf das Ungefähre, auf freie und offene Räume in jeder Hinsicht. Bühne, Körper, Choreographie, die Beziehungen der Tänzer untereinander sind Möglichkeitsräume, so weit wie möglich unbestimmt, wie ein unbekanntes, noch nie betretenes Terrain, das es auszukundschaften und auszudeuten gilt und das mit einer Tanzsprache, die den Körper driften und schlingern, taumeln und torkeln, wanken und  schwanken lässt. Man könnte dies als eine Utopie absoluter Optionalität bezeichnen.

Das kann schon mal bedeuten, dass er wie in seinem grandiosen Solo vom letzten Jahr "the emotionality of the jaw" 50 Minuten lang mit dem Rücken zum Publikum konvulsivisch zitternd tanzt, komplett verborgen, kaum erkennbar in weiter schwarzer Kleidung. Oder das er mit Philip Gehmacher ein Duo tanzt, in dem sich die Partner zwar spiegeln und auf den Widerhall der Bewegungen des anderen achten, aber erst gegen Ende in Kontakt kommen, wie bei dem brillanten "gateways to movement" vom Anfang dieses Jahres, dem Vorgängerstück zu seiner neuen Produktion.

Und das kann bedeuten, dass die Bühne wie ein schwarzer Schlund erscheint, der alles zu verschlucken droht, aus dem der Tanz sich herausschält, wie als Gravur mit einem Stichel aus der Dunkelheit herausgearbeitet.

Ian_kaler: o.T. (Incipient Futures) © Eva Würdinger
© Eva Würdinger | Bild: Eva Würdinger

Überraschungen in kreisrunder Arena

Die erste Überraschung des neuen Stückes ist die helle, freundliche, kreisrunde Arena mitten auf der Bühne des HAU 2. Das Publikum sitzt im Kreis auf nur drei ansteigenden Sitzreihen, eng beieinander und unmittelbar an der Tanzfläche. Und Ian Kaler und sein Duopartner Stéphane Peeps Moun gehen auch in direkten Kontakt mit den Zuschauern: tanzen unter ihnen – dies aber erst spät in dieser einstündigen Performance, die mit einem postapokalyptischen Bild beginnt.

Zu Beginn schieben sich die beiden durch einen schmalen Durchlass im Arenen-Rund zögernd und zaudernd in die Mitte, verhüllt von Mänteln mit riesigen Kapuzen, die Kopf und Gesicht verbergen, die an Schutzmäntel erinnern, in denen sie wirken, wie die einzigen Überlebenden einer großen Katastrohe. Das Licht strahlt giftgrün und sie schwanken und sinken wie kraftlos und hoffnungslos ineinander und ertasten sich in einer anrührenden Zärtlichkeit – zwei sehr fremde Wesen wie aus einer anderen Zeit.

Die nächste Überraschung ist die, dass es so nicht weitergeht. In den bisherigen Stücken von Ian Kaler wäre diese Atmosphäre, das dunkel Dräuende, die kaum zugängliche, hermetische, scheinbar von allem abgewandte Welt die einzige gewesen, die man zu sehen bekommt.

Ian_kaler: o.T. (Incipient Futures) © Eva Würdinger
© Eva Würdinger

Fragile Offenheit und Spannungs-Auflösungen

Stattdessen folgt hier eine überraschende Weite und Offenheit, es folgen Solo- und Duosequenzen, in denen die beiden das Bewegungsmaterial des impulsiven Körper-Schleuderns, der Verschiebungen in der Körper-Tektonik, der Zuck- und Streck-Impulse weiter ausdifferenzieren, etwa in Wellen-Formen und Schwingungen, in gleitendes Schlingern und Durch-den-Raum-Driften. Als würden sich Spannungen auflösen, kommt eine neue Durchlässigkeit ins Spiel. Die Choreographie weitet sich von der anfänglichen Enge in eine fragile Offenheit, in eine Unbestimmtheit voller neuer Anfänge – das sind die "beginnenden Zukünfte" als ein immer wieder Neu-Ansetzen.

Ein Eindruck, zu dem die Musik beiträgt: ein Elektro-Sound, der von Live-Percussion und Live-Gesang der britischen Berlinerin Jam Rostron aka Planningtorock und von Joy Lea Joseph, Perkussionistin der Londoner Clubszene rhythmisiert und in Spannungs-Steigerungen und -Entladungen angetrieben wird, ein mitreißender Sound, der manche Zuschauer fast von den Sitzen getrieben hat.

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© Eva Würdinger | Bild: Eva Würdinger

Hoffnungen und Weiterentwicklung

Mit seinem neuen Stück hat Ian Kaler seine Ausnahmestellung im Zeitgenössischen Tanz einmal mehr  bestätigt. Die Hoffnungen, die man sich vor Jahren bei seinen Anfängen machen konnte, erfüllen sich jetzt und es ist eine zu seinem Werdegang passende, stimmige Weiterentwicklung zu sehen.

Seine schon immer sehr präzise und extrem verdichtet gestalteten Choreographien haben jetzt eine spielerische Freiheit dazu gewonnen, das Minimalistische und Meditative, die zögerlich-zaudernde Intimität ist nun spannungsreicher, dynamischer, auch humorvoller – das lässt Vorfreude auf der Kommende zu.

Frank Schmid, kulturradio

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