Hans Otto Theater: Familiengeschäfte mit Jon-Kaare Koppe (Jack), Nina Gummich (Samantha, o.) und Denia Nironen (Tina), Florian Schmidtke (Roy), Andrea Thelemann (Poppy), Philipp Mauritz (Cliff), Eddie Irle (Lotario), Melanie Straub (Harriet), Raphael Rubino (Desmond, u.); Foto: © HL Böhme
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Hans Otto Theater - "Familiengeschäfte"

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"Action, Slapstick, Wortwitz" verspricht das Potsdamer Theater – zündet die Satire von Komödien-Altmeister Alan Ayckbourn?

Auch wenn er vor zehn Jahren einen Schlaganfall erlitt und seitdem etwas kürzer treten muss, ist Alan Ayckbourn doch immer noch ein äußerst produktiver und erfolgreicher Stückeschreiber. Mehr als 70 Komödien hat der englische Autor, Regisseur und Schauspieler geschrieben, viele von ihnen selbst zur Uraufführung gebracht.

Meistens blickt Ayckbourn mit schwarzem britischem Humor auf die Frustrationen des weißen Mittelstands und die seltsamen Verrenkungen der Menschen bei ihrem Versuch, sich ein wenig Glück im Unglück zu verschaffen. Am Potsdamer Hans Otto Theater hatte jetzt "Familiengeschäfte" Premiere, inszeniert von Hausherr Tobias Wellemeyer.

Wunsch und Wirklichkeit

Die satirischen Abgründe des Stücks liegen in dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Schein und Sein, postulierten unternehmerischen Idealen und alltäglicher krimineller Energie. Denn als Schwiegersohn Jack die Leitung des Familien-Unternehmens – einer Möbelfirma – übernimmt, ahnt er nicht, in was für eine Mördergrube aus Lug und Betrug, aus Korruption und Gier, Schlamperei und schmutzigen Geschäften er da geraten ist.

Jack hält eine flammende Rede auf die Vernunft, plädiert für Vertrauen und Loyalität und will ein neues "Wir"-Gefühl schaffen, um zusammen mit den Mitarbeitern das angeschlagene Geschäft wieder flott zu machen. Schon die gelangweilten Blicke und das süffisante Grinsen der anderen Familien-Mitglieder hätten ihm verraten können, dass außer ihm alle anderen von unternehmerischen Tugenden rein gar nichts halten und davon profitieren, dass man Firmen-Gelder verschiebt und unterschlägt, Möbel billig an die Mafia verscherbelt, die dann unter dem Label italienischer Designerfirmen teuer wieder auf den Markt kommen.

Als Jack von den schmutzigen Geschäften erfährt, ist er schockiert, er will den Augiasstall radikal ausmisten und engagiert einen Privatdetektiv. Die Frage ist, ob die guten Absichten des aufrechten Jack realisierbar sind, oder ob seine Radikalreformen an der Wirklichkeit, an der Geldgier der Familie und der Bestechlichkeit aller, auch des Privatdetektivs, scheitern.

Geräusche und Gesprächsfetzen

Die Welt ist eine mehrdimensionale, bienenstockartige Piscator-Bühne. Wir schauen auf das Modell eines durchschnittenen Hauses, dessen Fassade entfernt wurde. Neben- und übereinander gestapelt sehen wir unten eine Küche und ein Wohnzimmer, oben ein Bad und ein Schlafzimmer. Außerdem führen mehrere Treppen und Türen in Räume, die wir nicht einsehen können, aus denen wir nur seltsame Geräusche und Gesprächsfetzen vernehmen.

Dieses containerartige Schachtelgebäude bleibt immer gleich, auch wenn wir zur selben Zeit an verschiedenen Orten und in verschiedenen Wohnungen sind. Während z. B. Jack im Wohnzimmer seines Hauses den korrupten Privatdetektiv mit einem Geldkoffer ruhig stellen will, rumort der fettleibige Schwager Desmond in der Küche seines Haues, geilt sich Schwägerin Anita mit einem Mafioso im Schlafzimmer ihres Haus an SM-Spielen auf, ballert Firmen-Patriarch Ken im Badezimmer seines Hauses mit einem Gewehr herum.

Es wird also – nicht immer, aber gelegentlich – in mehreren Zimmern und an verschiedenen Orten gleichzeitig gespielt und gesprochen, geliebt und gehasst, geschossen und geblutet: Es ist eine komplexe, komplizierte, mehrdimensionale Welt, in der vieles gleichzeitig stattfindet. Wer sie verstehen und verändern will, müsste eigentlich zur selben Zeit an verschiedenen Orten sein.

Altbacken und abgestanden

Doch diese Mehrdimensionalität und Gleichzeitigkeit der Ereignisse funktioniert innerhalb der Komödie mehr schlecht als recht: Manchmal ist es ein ziemlich furioses Schauspiel-Pingpong, schnelle Dialoge, wild durcheinander geschnitten. Oft aber ist es reichlich anstrengend und humorlos herbeizitiert: Poltrig schleppt sich dann die laut scheppernde Komödien-Maschinerie holzschnittartig, krachledern dahin, kommt von Hölzchen auf Stöckchen, aber nie so richtig auf den bitter-bösen Punkt.

Das Stück ist von 1987, geschrieben auf dem Höhepunkt der Ära Maggie Thatcher, die den Wirtschaftsliberalismus quasi zur Staatsdoktrin erhob. Schon damals hatte die Komödie, die den Verfall unternehmerischer Sitten am Beispiel einer von der Mafia unterwanderten Möbelfirma durchspielt, etwas Harmloses.

Aber heute, in Zeiten der Globalisierung und des völlig entfesselten Turbo-Kapitalismus, wirkt das Gezappel und Gezeter eines rechtschaffenen Möbelfabrikanten, der sich mit seiner korrupten Familie, mit ihren kleinen Perversionen und großen Konsumwünschen herumschlägt, ziemlich altbacken und abgestanden: Stück und Komik ist nicht deshalb aktuell und entlarvend, nur weil die Schauspieler jetzt ständig in ihr Handy brüllen müssen.

Klischees und Pappfiguren

Die Charaktere sind pure Klischees und Pappfiguren. Nach zehn Minuten haben wir sie vollkommen durchschaut, sie bleiben sich immer gleich und ihrer Banalität treu: Jon-Kaare Koppe gibt den ehrlichen Jack als dauererregten Papiertiger, der als zahmer Bettvorleger landet. René Schwittay ist und bleibt ein unsympathischer Schnüffler mit fettigen Haaren und schlechten Manieren, der sich seinen Tod in der Badewanne redlich verdient.

Eddie Irle muss sich ständig an- und ausziehen, schlüpft in die Rolle von gleich fünf verschiedenen Mafiosi und ist doch immer nur ein billiger, blöde lächelnder Latin Lover. Jacks Tochter Samantha (Nina Gummich) ist und bleibt immer das traurige, kiffende Mitglied der Nullbock-Generation.

Cliff (Philipp Mauritz) und Anita (Meike Finck) sind und bleiben ein desillusioniertes Ehepaar, das Freude daran hat, sich gegenseitig zu demütigen. Die Ehe von Desmond (Raphael Rubino) und Harriet (Melanie Straub) erschöpft sich darin, dass er immer essen und sie sich schon beim Gedanken ans Essen übergeben muss. Und so könnten wir alle 13 Schauspieler und ihre Rollen durchbuchstabieren – und finden doch nichts als Langweiler, die uns nicht interessieren und auch kaum je Komödien-Esprit versprühen.

Das duldsame Premieren-Publikum spendete artigen, aber kargen Applaus, und den Schauspielern sah man an, dass sie ziemlich unglücklich über diesen Komödien-Reinfall waren.

Frank Dietschreit, kulturradio

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