Sir John Eliot Gardiner; Foto: © Sim Canetty-Clarke
© Sim Canetty-Clarke | Bild: Sim Canetty-Clarke

Philharmonie Berlin - John Eliot Gardiner dirigiert den Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists

Bewertung:

Nicht erst seit seiner Bachkantaten-Pilgerreise im Jahr 2000 ist John Eliot Gardiner eine der größten Autoritäten im Dienste des größten Thomaskantors. Warum das bis heute so ist, bewies der intelligente Buchautor und Präsident des Leipziger Bach-Archivs eindrucksvoll bei seinem jüngsten Gastspiel in Berlin.

In Sachen Bach verfolgt John Eliot Gardiner einen eindrucksvollen dritten Weg – zwischen schwergewichtigem und aufgeladenem Bach und einem merkwürdig entschlackten Gegenentwurf. Sein Bach kommt zunächst einmal erstaunlich leicht daher. Alles scheint ein paar Zentimeter über dem Boden zu schweben. Agilität ist das Gebot der Stunde.

Das heißt natürlich nicht, dass es auch leichtgewichtig wäre. Gardiner hält sich eng an die Ausdeutung des Textes, dabei fast opernhaft direkt – von einschmeichelnd bis furienartig, höchst emotional. Gardiner will den ganzen Bach – keinen Säulenheiligen, sondern die gesamte komplexe Komponistenpersönlichkeit.

Wandertag auf dem Podium

Sir John Eliot ist dabei ganz der Patriarch am Pult. Es sind seine Ensembles, die er leitet, und das tut er mit wenigen Handbewegungen. Alle fressen ihm aus der Hand. Bis ins Kleinste ist alles durchorganisiert – Gardiner will keine Zeit verlieren und beginnt, kaum dass der Auftrittsbeifall gerade so verklungen ist.

Zwischen den einzelnen Teilen der Messe, der Kantate und des Magnificats duldet er kaum Pausen, und weil er alle Solisten aus den Reihen seines Chores besetzt, müssen die in Wandertagmanier heraustreten und wieder zurück. Das ist schon faszinierend zu beobachten, wie ein Sänger, der ein Solo hat, sich durch Chor- und Orchesterreihen durchdrängelt, sein Solo absolviert und schon während des instrumentalen Nachspiels zurück muss, weil er sofort wieder im Chor benötigt wird.

Nicht mehr von dieser Welt

Von 22 Choristen haben zehn Soloaufgaben. Und diese zehn bewältigen das so überzeugend, dass auch eingekaufte Solisten es nicht besser machen könnten. John Eliot Gardiner hat offensichtlich sehr genau darüber nachgedacht, wem er welchen Solopart anvertraut. Das reicht vom blendend aufgelegten Countertenor bis hin zur geradezu überirdisch singenden Sopranistin.

Die hat in einer Kantate zum dritten Weihnachtsfeiertag eine ausgedehnte Arie, und wenn man es nicht anders gesehen hätte, könnte man nur von der Stimme her für einen Augenblick denken, da würde ein Knabensopran singen, so rein, klar und im besten Sinne naiv vermittelt sich das, fast wie eine Instrumentalstimme, die sich mit der Soloflöte mischt und nicht mehr von dieser Welt zu sein scheint. Jesus ist geboren, und damit kommt man in den Himmel. Man mag das glauben oder nicht – so vorgetragen ist es über jeden Zweifel erhaben.

Englische Barock-Virtuosen

Gardiners barockes Instrumentalensemble nennt sich Baroque Soloists. Und das stimmt wirklich. Allesamt sind sie Virtuosen. Ausführung und Zusammenspiel sind nahezu perfekt. Und sie stehen den Singstimmen in nichts nach. Man hört ein kurzes Vorspiel, und noch bevor das erste Wort ertönt, weiß man eindeutig, worum es gehen wird.

Dieses Ensemble kann mit Instumenten ebensoviel erzählen wie eine Stimme mit Text. Eine Charakterisierungskunst, der sich niemand entziehen kann, verbunden mit einer Spielkultur – zum Dahinschmelzen.

Dieser Bach setzt Maßstäbe

Wo sonst fast immer ein Orchester auf den Chor und die Solisten Rücksicht nehmen muss, ist das hier überhaupt nicht notwendig. Beide Ensembles können einander blind vertrauen. Das Orchester spielt mit voller Klangpracht, und trotzdem ist der Chor präsent, und man hört die verschiedenen Stimmverläufe so deutlich, dass man sie bequem mitverfolgen kann.

Einziger Kritikpunkt: Die Textverständlichkeit, ob Latein oder Deutsch, könnte besser sein. Aber auch das ist kein wirklicher Makel – denn in der Interpretation bleibt kein Zweifel, worum es geht. Das ist eine Bach-Interpretation, die Maßstäbe setzt.

Andreas Göbel, kulturradio

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