Marek Janowski, Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des RSB [Felix Broede]

Philharmonie Berlin - "Hänsel und Gretel"

Bewertung:

Dass die Zielgerade seiner Arbeit für Marek Janowski mit dieser "Hänsel und Gretel"-Aufführung gut erreicht und durchlaufen werden würde, war klar.

Humperdinck war ein Wagner-Schwärmer – wie Janowski selbst. Abzusehen war auch, dass Janowski, der am Silvestertag sein letztes Konzert als Chefdirigent des RSB dirigieren wird, schon jetzt für seine insgesamt 14 Jahre beim RSB gefeiert werden würde; woran gemessen der Jubel eher noch gemessen ausfiel.

Janowski selber galt immer als eher nüchterner Dirigent, der seit 2002 Solidität zum Goldenen Schnitt der Dirigentenarbeit erklärte. Interpretatorisch im Mittelfeld, hatte er dabei den vom warmen Holzbläser-Feld ausstrahlenden Klang seines Ensembles vorzüglich gepflegt. Dies Aufladen der Wärme-Aggregate gibt auch bei dieser konzertanten Aufführung den Ausschlag. Und sorgt für hauptsächlichen Weihnachtsglimmer.

Gut genug für eine CD?

Die Sängerbesetzungen, bei Opern entscheidend, waren unter Janowski manchmal suboptimal. Zumindest wenn man sie an der Tatsache misst, dass diese Opern-Aufführungen mitgeschnitten wurden und auf CD erschienen sind. Hänsel und Gretel zum Beispiel sind in dieser Aufführung sozusagen "verkehrt herum timbriert": Alexandra Steiner als Gretel verfügt über genau jenes Knabensopran-Timbre, das Hänsel gebrauchen könnte. Dieser dagegen, in Gestalt von Katrin Wundsam, klingt soubrettig mädchenhaft.

Albert Dohmen war schon im Wagner-Zyklus bei Janowski mehrfach mit von der Partie. Er gibt den Vater als poltrig-jovialen Holzhackerbua', der kurz aus der Schusterstube herübergewechselt ist. Dennoch sein hier wohl bester Auftritt. Ricarda Merbeth als Mutter mischt – im Textblindflug – erstaunliche Brünnhilden-Spitzentöne mit bei. Eine gute Bilanz. Doch für eine CD-Produktion, die auch hier anscheinend wieder von der Aufführung abgenommen werden soll, nicht wirklich gut genug.

Höhepunkt der Aufführung

Den besten Eindruck macht Christian Elsner, der als Tenor die Hexe in bester Peter-Schreier-Tradition als Travestie-Knusperweiblein singt. Elsner war bei Janowski bereits Parsifal – und ebenso Mime (im "Siegfried"). Genau wie Mime, als nickernden, aber vortrefflich gestalteten Hexerich und Waldschrat legt er die Rolle an. Zuletzt kugelrund, hat er für diese Aufführung sichtlich abgespeckt. Geht aber wohl immer noch durch keine Ofentür, durch die ihn Hänsel zweifellos stoßen möchte.

Macht nichts. Das sind eben die Vorzüge einer konzertanten Aufführung, wo ohne Dekorationen, nur mit ein bisschen Lebkuchenlicht operiert wird. Elsner ist der Höhepunkt der Aufführung.

Schlittenfahrt durch Wagners Gesamtwerk

Humperdinck war Wagnerianer, aber er war nicht Wagner selbst. So wiegen die zahllosen Wagner-Anleihen eher bedenklich und bilden den Haupteinwand. Der Dirigent bringt es fertig, am Schluss des 2. Bildes, nach dem "Schlaflied", indem er endlich zarter und leiser wird, den Streicherwind haargenau wie im "Lohengrin" klingen zu lassen. In derselben Minute noch kriegt er die Kurve zum Schluss der "Götterdämmerung", biegt in die Festwiese der "Meistersinger" ein, um beim "Tristan" zu enden: eine Schlittenfahrt durch Wagners Gesamtwerk, so als sei Humperdinck aus Zitaten zusammengekupfert.

Das ist zwar erstaunlich – ich habe es nie deutlicher gehört –, reduziert "Hänsel und Gretel" aber auch aufs Bekannte, statt das Originelle aufzuspüren. Humperdinck war mehr – und auch magischer! – als ein Wagner-Abklatsch.

So ist der Abend in gewisser Weise getreues Abbild einer ganzen Ära. Wir wollen indes nicht undankbar sein. Unter Marek Janowski präsentierte sich das RSB stets, so auch hier, in beneidenswert guter Form. Wenn es so spielt, ist es der Berliner Staatskapelle überlegen, und ebenso dem DSO.

Mit anderen Worten: Wenn das RSB so spielt, ist es das zweitbeste Orchester von Berlin. Genau das ist – jenseits aller Interpretationsfragen – das Verdienst des Marek Janowski.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

Weitere Rezensionen