Christian Thielemann (c) Matthias Creutziger

Philharmonie Berlin - Christian Thielemann dirigiert die Berliner Philharmoniker

Bewertung:

Fast zehn Jahre ist es nun schon her, dass Gidon Kremer mit den Berliner Philharmonikern gespielt hat. Jetzt ist er für drei Konzerte zurück – und präsentiert das Violinkonzert "In tempus praesens" von Sofia Gubalidulina.

Die Violine in Sofia Gubaidulinas Violinkonzert "In tempus presens" symbolisiert die Weisheit (lat. sophia). Sie versucht, die Gesellschaft (das Orchester) zu beeinflussen und muss sich auch gegen sie behaupten. Wie aktuell!

Gidon Kremer wirkt wie der Sänger/Seher Teiresias, eher nach innen als nach außen gewendet. Er versucht nicht zu schmeicheln und zu überreden, sondern überzeugt mit Intensität und purer Präsenz - ganz gemäß dem Titel des Werkes.

Christian Thielemann überzeugt häufig gerade in zeitgenössischen Werken. Detailgenau, hellsichtig in den Abläufen, so entstehen die feinen Echos im Dialog mit dem Solisten. Möge das Plädoyer für die Weisheit wirken!

Ungenau und schwankend

Eher durch opernhaft starke Effekte versuchte Anton Bruckner in seiner F-Dur Messe die Gläubigen zu stärken und die nicht so Gläubigen zu überwältigen. Thielemann registriert das Orchester wie eine (übrigens auch real eingesetzte) Orgel. Da gerät vieles so eckig und kantig wie sein Dirigierstil. Bei komplexen Synkopen wie im magischen "et incarnatus est" (das Geheimnis der Geburt Jesu) ging es dann aber doch sehr ungenau und schwankend zu. Eine schwere Geburt!

Dazu trugen auch die nicht immer sehr schmeichelhaft singenden Solisten bei. Scharf und oft unsauber Anne Schwanewilms' Sopran oder auch der tenoral gepresste Michael Schade, bei dem man sich freute, wenn er piano sang. Unauffällig Wiebke Lehmkuhl (Alt) und anrührend einzig der enorme Bass Franz-Josef Selig.

Schließlich der sehr geforderte Rundfunkchor, bei dem man die Arbeit von Gijs Leenaars schon hören konnte: mehr Tiefe in der Homogenität, reiche Brokatfarben.

Clemens Goldberg, kulturradio

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