Philharmonie Berlin - Bedřich Smetanas "Mein Vaterland" unter Daniel Barenboim

Bewertung:

Selten erlebt man hierzulande die Komplettaufführung aller sechs Sinfonischer Dichtungen "Mein Vaterland" von Bedřich Smetana. Eine schöne Idee von Daniel Barenboim also. Das Ergebnis fällt jedoch durchwachsen aus.

"Má vlast" – "Mein Vaterland" – dieser Zyklus aus sechs Sinfonischen Dichtungen gilt bis heute als musikalisches tschechisches Nationalheiligtum. Zu Recht. Und so kommt es nicht von ungefährt, dass außer der "Moldau" keine andere dieser Tondichtungen international heimisch geworden ist.

Das ist alles sehr eingängige, intensive, bilderreiche Musik, aber man braucht für das wirkliche Verständnis nicht nur Wissen um tschechische Geschichte und Mythen, sondern auch innere Anteilnahme, kurz: das Herz dafür.

Geschichte, Legenden, Symbole

Smetana greift hinein in die markanten Themen seines Landes: Naturbeschreibungen, Erinnerungen an die wechselvolle Geschichte, Legenden wie die von Šarka, die von ihrem Geliebten verlassen wird und gleich Rache an einer ganzen Kriegerschar nimmt, indem sie sie mit Alkohol abfüllt und dann abschlachtet. Am wichtigsten sind inhaltlich die beiden Schlussteile "Tábor" und "Blaník", die ins 15. Jahrhundert führen. Nach ihrer Niederlage warten die Hussiten im Berg Blaník darauf, ihrer Nation zu neuer Größe zu verhelfen.

Da geht es weniger um rein historische Dinge – das alles hat vielmehr einen hohen Symbolgehalt. Politisch, aber auch musikalisch im Ringen um die Unabhängigkeit gerade auch einer eigenständigen tschechischen Musikkultur. Hierfür war Smetana letztlich die zentrale Figur.

Die Musik meint es ernst

Bis heute spürt man an zahlreichen Stellen den kämpferischen, den fast agitatorischen Charakter der Musik. Nicht umsonst bekamen gestern der Paukist und die Schlagzeuger von Triangel, Becken und Großer Trommel den meisten Beifall, als Daniel Barenboim sie aufstehen ließ. Sie hatten so viel zu tun wie selten einmal in einem Orchesterwerk.

Smetanas Musik will ihr Pathos gar nicht erst verstecken. Sie ist gerade heraus und ehrlich. Musik, die von den Menschen, für die sie komponiert ist, also in erster Linie Smetanas Landsleute, verstanden werden will – und bis heute auch verstanden wird. Das Festival Prager Frühling wird jedes Jahr am 12. Mai, dem Todestag von Smetana, mit einer Gesamtaufführung dieses Zyklus eröffnet. Und am Ende kennt die Begeisterung des Publikums keine Grenzen.

Euphorie und Routine

Daniel Barenboim geht durchaus mit eigenen Ansätzen an diese Musik. Besonders deutlich wurde das im bekanntesten Stück, der "Moldau". Man wunderte sich über Temporückungen oder über die geradezu verbissen interpretierte "Bauernhochzeit". Nur fehlte der ganzen Euphorie ein wirkliches Konzept.

Die "Moldau" ist nicht nur das bekannteste, sondern auch das diffizilste Stück des gesamten Zyklus', und da schien nicht alles ganz bis zu Ende geprobt zu sein. Am Ende gab es ein ziemliches Durcheinander – die planlose Fröhlichkeit erinnerte dann mehr an einen Ausflugsdampfer auf der Moldau. Kurz: So oberflächlich und routiniert bleiben dann doch etliche Wünsche offen.

Die Faszination der Brillanz

Die anderen Stücke sind ein wenig flächiger und überschaubarer, etwas leichter in der Umsetzung. Und hier lief die Staatskapelle dann zur Hochform auf. Eindrucksvoll war der Einbruch der Naturgewalten in "Aus Böhmens Hain und Flur" (verwaschen, aber gerade deswegen fast schon impressionistisch).

Die letzten beiden Teile, die bisweilen durchhängen, präsentierte die Staatskapelle mit ihren hervorragenden Musikern und ihrer grandiosen Kultur im Zusammenspiel mit einem unglaublichen Furor, so dass man hier tatsächlich eine Ahnung bekam, welche Kraft und welche innere Bewegtheit in diesen Stücken stecken kann. Das immerhin hat beeindruckt und ein bisschen vergessen lassen, dass der Abend dann doch mit recht heißer Nadel gestrickt war.

Andreas Göbel, kulturradio

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