Schaubühne Berlin: Professor Bernhardi © Arno Declair
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Schaubühne - Arthur Schnitzler: "Professor Bernhardi"

Bewertung:

Wie ein Doku-Fernsehspiel. Ostermeier versucht Arthur Schnitzlers Stück näher an die Gegenwart heranzurücken. Sind die Aktualisierungsanstrengungen gelungen?

Um diese sogenannte Rückkehr von Jörg Hartmann ist ein regelrechtes Buhei gemacht wurden. Man kann nur hoffen, dass Hartmann in seiner Ensemble-Familie eine durchweg herzlichere Aufnahme findet als der verlorene Sohn in der Bibel. Ich halte es geradezu für selbstverständlich, dass ein guter Bühnen-Schauspieler, und mag er beim Fernsehen noch so erfolgreich sein, den Kontakt zum Theater nicht verliert; dort kann er differenzierter in verschiedene Rollen einsteigen und bleibt nicht als Tatort-Unsympath oder Stasioffizier vorgestanzt.

Bezeichnenderweise spielt Hartmann ja jetzt einen humanen Humanmediziner. Ich erinnere daran, dass Nina Hoss, trotz ihrer Filmkarriere, immer auch, und zur großen Freude ihres Publikums, die Bindung ans Sprechtheater gesucht und gehalten hat – und das übrigens auch an der Schaubühne.

Professor Bernhardi ist Internist und Chef einer Privatklinik. In dieser Funktion, und besonders auch als Jude, steht er im Spannungsfeld kollegialer und ministerieller Intrigen und ehrgeiziger Karrierewünsche, wenn es etwa um Berufungen oder um die staatliche Finanzierung des Krankenhauses geht.

Bernhardi verschafft nun seinen Neidern und insbesondere seinem Erzkonkurrenten und Stellvertreter Dr. Ebenwald eine willkommene Angriffsfläche und Möglichkeiten der Revanche. Er verweigert einem katholischen Priester den Zugang zu einer durch Sepsis todkranken Patientin. Der Professor will der in ihren letzten Minuten euphorisierten und an alles andere als Tod denkenden Frau den Schock durch die damals so genannte Letzte Ölung ersparen.

Damit wird eine Lawine ins Rollen gebracht. Bernhardis Widersacher haben Oberwasser. Der zuständige Minister und angebliche Freund zeigt sich als Wendehals und Opportunist.  Der Professor verliert seine medizinischen Grade und kommt ins Gefängnis.

Schwache Aktualisierungsanstrengungen

Authentischen Arthur Schnitzler sieht und hört man hier nicht. Thomas Ostermeier verzichtet in seinem textlichen Update auf den Originalton, den zeitlichen, auch politischen Hintergrund, die Atmosphäre des Dramas im damaligen Österreich. Es wurde 1912 in Berlin uraufgeführt –  in Wien war es damals "wegen der tendentiösen Schilderung hierzuländischer öffentlicher Verhältnisse" durch die Zensurbehörde verboten worden. Und selbst noch nach dem Zweiten Weltkrieg war die Aufnahme dieses Schnitzler-Werks in Österreich um es mal so zu sagen – geteilt.

Die Aufführung jetzt versucht, das Stück mitsamt seinem figurenreichen Ärzte-Personal näher an, aber nicht präzise in die Gegenwart zu ziehen, wobei allerdings die Erwähnung von "Populisten" und "Volksverräter" oder "Bernhardi muss weg" etwas schwache Aktualisierungsanstrengungen sind. Und vor allem wird das treibende Motiv konkurrierender Kräfte nicht in aller Schärfe spürbar: der latente und offene Antisemitismus.

Übertriebene Verliebtheit in Videospielereien

Die Geschichte sieht sich bei Ostermeier an wie ein Doku-Fernsehspiel, Kategorie Ärzteserie. Das wird, mit gelegentlichem Durchhängen, spannend gespielt. Viele weiße Hosen, weiße Schuhe, Lacoste-Pulli. Vorstandssitzungen, außer in königlichen Haushalten bei Shakespeare, reißen im Theater aber nicht unbedingt vom Sitz.

Dabei lässt sich ein im Weißkittelmilieu genau wie in Theaterensembles unvermeidbares schauspielerisches Gefälle nicht vermeiden. Jörg Hartmann verkörpert die Titelrolle, Stethoskop in der Kitteltasche, mit gebremster Ironie, Jovialität, sympathischer Contenance. Man hätte ihm allerdings einen darstellerisch und sprecherisch farbigeren Klinik-Rivalen gewünscht, als ihn Sebastian Schwarz zeigt.

Um die Aufführung aufzupeppen, regiert hier eine übertriebene Verliebtheit in Videospielereien. Kamera-Fritzen auf der Bühne. Sogar die Sterbende, zu der der Priester nicht vordringen soll, sieht man im Großformat projiziert.

Bei Schnitzler kann Professor Bernhardi schließlich mit allen Titeln in seine Funktionen zurückkehren, weil ihn ein leibhaftiger Prinz als behandelnden Arzt beruft. Ich habe mich jetzt gefragt, wer in der von der Schaubühne postulierten vagen Gegenwart der aktualisierte Prinz sein könnte. Um diese Antwort hat sich Ostermeier leider gedrückt.

Peter Hans Göpfert, kulturradio

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