Sasha Waltz: Allee der Kosmonauten; © Sebastian Bolesch
Bild: Sebastian Bolesch

Sophiensæle - "Allee der Kosmonauten"

Bewertung:

Das Schicksal will es, dass in diesen Tagen in Berlin Tanzgeschichte zu erleben ist.

Ab heute Abend ist bei den Berliner Festspielen das Tanztheater Wuppertal mit der Pina-Bausch-Inszenierung "Palermo Palermo" von 1989 zu sehen. Und seit gestern Abend in den Sophiensælen die Wiederaufnahme von "Allee der Kosmonauten", dem mittlerweile legendären Stück von Sasha Waltz, vor 20 Jahren zur Eröffnung der Sophiensæle uraufgeführt.

Absonderliche Familien-Studie als Kammerspiel

Dieses Stück nun, 20 Jahre nach der Uraufführung, wieder zu sehen, ist ein seltsames Gefühl. Man dreht sich einmal um und schon sind zwei Jahrzehnte vergangen. Ein guter Anlass, um nostalgisch zu werden, da auch die Originalbesetzung von damals tanzt, alle deutlich älter geworden, aber immer noch fit und souverän und da das Stück tief in den 1990er Jahren verwurzelt ist.

Die theatrale Szenerie, die Wohnzimmer-Bühne mit dem hässlichen Sofa im graubraunen Karo-Muster, die schrecklichen Kostüme, die Musik mit Billig-Techno und Schlager: Sasha Waltz und die Tänzer hatten damals drei Monate lang sechs Familien in Marzahn interviewt und im Alltag begleitet. Eine Recherche, die zur Basis für diese absonderlich wunderliche Familien-Studie als Kammerspiel geworden ist.

Groteske Charakterstudien – karikaturesk und niederschmetternd

Obwohl die Choreografie ein Ausdruck des Lebensgefühls der Neunzigerjahre ist, funktioniert sie auch heute noch und das v.a. wegen der Charakter-Studien: Der repressive Vater in seinem graumäusigen Anzug von der Kaufhaus-Stange, der seine Macht schwinden spürt, die wie betäubt wirkende Mutter in roter Strickjacke und Röschen-Nylon-Rock, die im Reinlichkeitswahn mit dem Staubsauger herum rast, der rebellische Sohn mit Ghettoblaster und in Trainingsanzug aus Ballonseide von undefinierbarer Farbe, die Kind-Mädchen-Tochter, die den Ausbruch aus der Familie will, aber nicht wagt und die anderen ebenso wahrhaftigen wie skurrilen Gestalten.

Eine Familie, die in Liebe und Hass, Fürsorge und Abhängigkeit verstrickt ist und keinen Ausweg sieht, ein Personal, das Sasha Waltz in Schnelldurchlauf-Zeitraffer und Comedy-Manier aufeinander loslässt.

Ich selbst hatte das Stück nicht derart grotesk, karikaturesk und teilweise slapstickhaft in Erinnerung und zugleich so niederschmetternd als Porträt einer fast dysfunktionalen Familie und auch nicht derart drastisch überzeichnet und dadurch auf den Punkt gebracht in der emotionalen Kontaktlosigkeit, die sich nur in Aggression oder Sentimentalität Bahn brechen kann.

Der legendäre Status der "Allee der Kosmonauten"

Die "Allee der Kosmonauten" war damals der nationale und internationale Durchbruch von Sasha Waltz, eine starke künstlerische Weiterentwicklung nach ihrer "Travelogue"-Trilogie Anfang der Neunziger, in der ja auch schon Alltagsszenen im Mittelpunkt standen. Das war ein Anknüpfen an Erzähl-Tanztheater-Traditionen mit damals neuen Mitteln: scharfe Schnitt-Dramaturgie, Alltägliches ins Groteske getrieben, schräge Körper-Artistik, disruptive Paartänze, extreme Dynamik, viel Humor – Ausdruck einer ernsthaft suchenden skeptischen Ironie und damit damaliger Zeitgeist.

Derartige Figurenentwürfe und das Erzählen psychologisch grundierter, durchaus realistischer Geschichten sind im Zeitgenössischen Tanz heute nicht mehr vorstellbar – der Tanz ist andere Wege gegangen und insofern ist die Zeit dann doch über dieses Stück hinweggegangen.

Damals jedoch war dies der Höhepunkt der frühen Werkphase von Sasha Waltz. Was wenige Jahre später mit der "Körper"-Trilogie an der Schaubühne folgen sollte, war nicht absehbar und auch der Erfolg der "Allee der Kosmonauten" und der Sophiensæle nicht. Waltz hat damals einen Nerv getroffen und Stück und Haus sind jetzt Berliner Theater- und Tanzgeschichte.

Vermeintlich verrückt-närrische Visionen

Die Choreografie heute wieder zu sehen, öffnet den Erinnerungsraum an die damalige Zeit, an diesen Ausklang der Nach-Mauerfall-Zeit, in der noch vieles möglich war, aber nicht mehr alles wie 89/90. Und an die Zeit des eisernen Sparens v.a. in der Berliner Kultur. Die Schließung des Schiller-Theaters lag erst drei Jahre zurück, Kultursenator Peter Radunski musste die Sparpolitik eisern umsetzen und insofern war es damals eher unvorstellbar, dass da nun ein neues Theaterhaus aufmachen sollte.

Ich hatte wenige Tage vor der Eröffnung der Sophiensæle auf der Baustelle im dritten Stock, heute der Hochzeitssaal, ein Interview mit Jochen Sandig, in dem er von seinen Visionen für das Haus erzählt hat. Und ich habe mich gefragt, ob er nach den verrückten Jahren im Kunsthaus Tacheles jetzt närrisch geworden ist – so wahnwitzig-abwegig war das Vorhaben damals. So kann man sich irren!

Heute sind die Sophiensæle der wichtigste Premieren- und Produktions-Ort der Freien Szene Berlins in allen Sparten. Und das hat auch mit dem damaligen Überraschungs-Erfolg der "Allee der Kosmonauten" zu tun. Beides ist im Prinzip untrennbar miteinander verknüpft und auch das trägt zum legendären Status des Stückes bei.

Frank Schmid, kulturradio

Weitere Rezensionen