Staatsoper: "Manon Lescaut" mit Anna Nechaeva (Manon Lescaut) mit Ensemble; Foto: © Staatsoper/Matthias Baus
Bild: Staatsoper/Matthias Baus

Staatsoper im Schiller Theater Berlin - "Manon Lescaut"

Bewertung:

Statt in Paris spielt Giacomo Puccinis "Manon Lescaut" in der Traumfabrik Hollywood. Jedenfalls bei Jürgen Flimm. Kann man machen. Aber darüber hinaus bleibt es szenisch harmlos und musikalisch unbefriedigend.

Giacomo Puccinis Oper "Manon Lescaut" ist für Jürgen Flimm eigentlich genau das Richtige. Der Staatsopern-Intendant und Regisseur kommt ja ursprünglich vom Theater und ist ein Meister darin, Szenen auf spielerische Weise lebendig werden zu lassen. Immer ein bisschen mit Humor und aus einem sehr klaren Blickwinkel. Auch Puccini ist stark im Zeichnen von Situationen. Könnte passen.

Allerdings darf man nicht vergessen, dass bei Puccini mindestens ebenso dominant die großen Gefühle eine Rolle spielen. Das muss man glaubhaft darstellen, und daran scheitert Flimm über weite Strecken.

Repertoiretauglich, aber oberflächlich

Jürgen Flimm, der zuletzt rekordverdächtig häufig an seinem eigenen Haus inszeniert hat, verlegt die Handlung von Paris in die Traumfabrik Hollywood. Das ist nicht zwingend, aber möglich – Puccinis große Bilder in seiner Oper lassen das zu. Das ist auch zunächst einmal durchaus unterhaltsam: ein Filmset auf der Bühne mit Schminktischen, Kameras, Kabeln, einem roten Cabrio und haufenweise Komparsen, die durcheinanderwuseln. Filmszenen in Schwarz-Weiß werden projiziert.

Für zehn Minuten nimmt man das gerne, aber man kommt den Figuren nicht nahe. Sie verschwinden vor dieser Kulisse. Die Handlung schnurrt ab, bleibt aber an der Oberfläche, und bis zur späten Pause langweilt man sich zunehmend. Erst danach, wenn nur noch ein paar Reste einstiger Herrlichkeit auf der dann fast leeren Bühne übriggeblieben sind, verraten die Figuren mehr von sich. Diese Inszenierung ist absolut repertoiretauglich, tut niemandem weh, aber gebraucht hätte man das nicht.

Staatsoper: "Manon Lescaut" mit Riccardo Massi (Renato Des Grieux); Foto: © Staatsoper/Matthias Baus
Riccardo Massi (Renato Des Grieux); © Staatsoper/Matthias Baus

Sängerisch unbefriedigend

Stimmlich konnten die Sängerinnen und Sänger wenig überzeugen. Riccardo Massi als Des Grieux macht zwar eine gute Figur – er kommt sogar aus dem Filmgeschäft, war vorher unter anderem Stuntman und hat auch schon mal an der Seite von Leonardo Di Caprio gespielt. Auch stimmlich hat er etwas zu bieten mit seinen kräftigen und ausdauernden Spitzentönen und Schluchzern. Dennoch bleibt das alles recht unkoordiniert in der Dosierung. Von der Figur erfährt man wenig; das bleibt alles recht klischeehaft.

Franz Hawlata als Steuerpächter, hier: Filmproduzent ist stimmlich viel zu schwach, als dass man ihm den gekränkten Fiesling abnehmen würde. Einzig Roman Trekel als Manons Bruder lässt das Ambivalente seiner Rolle erahnen.

Manon Lescaut

Anna Nechaeva hat die Titelpartie der Oper bereits im Oktober 2014 bei der Premiere dieser Koproduktion in Sankt Petersburg gesungen. Sie hat eine gute, kräftige Stimme und singt auch alles irgendwie richtig. Nur von der Figur, ihrer Liebe, ihrem Schmerz verrät sie kaum etwas. Das ist recht eindimensional, wird schnell spitz und scheppernd.

Allerdings muss man sie wie auch alle anderen Sängerinnen und Sänger ein wenig in Schutz nehmen. Denn für überzeugendere Leistungen hat ihnen allen der Dirigent des Abends wenig Möglichkeiten gelassen.

Sinfonie statt Oper

Mikhail Tatarnikov ist Musikdirektor und Chefdirigent in Sankt Petersburg. An der Staatsoper in Berlin scheint ihm jedoch niemand gesagt zu haben, dass er Oper zu dirigieren hat und kein Sinfoniekonzert. Das Orchester ist fast durchgehend zu laut. Bei den schnellen und spielerischen Szenen verzichtet Tatarnikov auf Nuancen und Flexibilität, so dass aus dem Orchestergraben der Eindruck eines Musikautomaten herausklingt. Dass die Sängerinnen und Sänger da nur noch schreien konnten, war schnell klar.

Eine durchwachsene Produktion: szenisch harmlos und musikalisch weitgehend missglückt.

Andreas Göbel, kulturradio

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