Mo 11.01.2016

Komödie am Kurfürstendamm

"Lieber schön"

Der Originaltitel von Neil LaButes Vierpersonenstück ist vielleicht treffender als der deutsche: Reasons to be Pretty.

Bewertung: gelungen

Die Friseurin Steph ist zutiefst beleidigt. Sie hat erfahren, dass ihr Partner Greg in einem Gespräch mit seinem Arbeitskollegen Kent, als es um eine Beauty des Betriebs ging, über sie gesagt hat: "Vielleicht hat Steph nicht so ein Gesicht wie dieses Mädchen – vielleicht ist ihr Gesicht einfach nur normal – aber ich würde sie nicht für eine Million Dollar eintauschen."

Wie das so läuft: Die junge Frau hat von dieser Äußerung durch ihre allerbeste Freundin Carly Wind bekommen. Steph ist empört, sie kocht auf Hochtouren. Denn "normal", das klingt in ihren Ohren wie "hässlich", unansehnlich. Greg kann sagen und beteuern, was und so viel er will. Steph kennt kein Pardon. Es kommt zur Trennung. Der Kollege Kent übrigens lässt im Gegensatz zu seinem Freund den Macho heraushängen. Er betrügt seine schwangere Frau Carly mit besagter Betriebsschönheit.

Tanja Wedhorn (links) und Oliver Mommsen (rechts); © Barbara Braun

Puristisch moderner Boulevard

Dieses Stück ist nicht das erste, das den Drehbuchautor, Regisseur und Dramatiker LaBute als versierten Konstrukteur effektvoller Boulevardstücke erweist. Immer wieder haben sich auch die Hochbühnen gerne dieser Stoffe bedient. In den drei Monologen von Bash ließ Peter Zadek das alltäglich Böse an LaButes Boulevard dämmern. Und ich erinnere an Tag der Gnade, dort verpasste der Autor einer Beziehungsgeschichte erst durch die Katastrophe des 11. September den eigentlichen Kick.

Das Burgtheater Wien hat Lieber schön in seiner Kasino-Bühne herausgebracht, und es ist inzwischen an verschiedenen kleineren und mittleren Theatern gelaufen. Folke Braband inszeniert jetzt feinsten, puristisch modernen Boulevard. Diese Aufführung ist spielerisch auf Hochtouren, sie ist unerhört witzig. Aber sie bohrt nicht in tiefere Sinnschichten.

Oliver Mommsen (links) und Roman Knižka (rechts); © Barbara Braun

Aus der Männerecke

Nicht umsonst arbeitet die beleidigte Friseurin Steph in einem Beruf, der seine Kundinnen mit Schönheit, mit gutem Aussehen versorgen will. Aber die von den Kudamm-Bühnen nahegelegte Assoziation des Beauty-Wahns, von Germany's Next Topmodel, Selfie-Mode und Schönheitsoperationen kommt hier nicht zum Tragen. Schon eher die Frage, inwieweit zwischen Freunden und in der persönlichen Beziehung Aufrichtigkeit, ehrliche Worte angesagt sind. LaButes Stück ist aus der Männerecke geschrieben, so sehr der Autor versucht, die Gewichte auszubalancieren.

Tanja Wedhorn legt hier perfekt eine aufgedrehte Zicke hin, die sich gar nicht mehr einkriegt, wenn sie dem Greg ihre Beschimpfungen um die Ohren haut. Ich habe mich allerdings gefragt, wie dieser solide Arbeitsmensch, der in jeder freien Minute anspruchsvolle Bücher liest, von Hawthorne bis Roth, an diese Frau geraten ist, die ihre verbalen Attacken aus F-, W- und Sch-Injurien herausschleudert wie eine Schneekanone. Fast ist man dankbar, dass diese Eruptionen stimmtechnisch nicht allesamt klar herüberkommen.

Rasch und pointiert gespielt

Vom Stück her, und auch darstellerisch, kommt die Figur der tratschigen und betrogenen Freundin vergleichsweise farbloser weg. Nicola Ransom ist im Outfit eines Betriebssheriffs etwas stark auf die taffe Linie festgelegt. Roman Knižka verkörpert hier einen fast schon wieder liebenswerten gewissenlosen Chauvi, der charmant seinen weniger männlichkeitsbetonten Freund massiv für seine Manöver einspannen will. Man gönnt es ihm sehr, dass er in einer Schlägerei, welche die beiden später austragen, den Kürzeren zieht.

Alle Sympathien der Regie und des Publikums gehören ohnehin dem missverstandenen Greg. Oliver Mommsen spielt ihn mit Humor, mit scheinbar grenzenlosem Harmoniebedürfnis, dann aber auch mit tieferer Nachdenklichkeit und schließlich mit Freude, es dem verlogenen Kent mit einer naheliegenden Rache heimzuzahlen. All dies auf einer klaren unverstellten Bühne, wie in einem virtuellen Schaukasten ausgestellt, rasch und pointiert gespielt.

Boulevard von heute. Sehr vergnüglich.

Peter Hans Göpfert, kulturradio

© Rundfunk Berlin-Brandenburg

http://www.kulturradio.de/rezensionen/buehne/2016/Komoedie-am-Kurfuerstendamm-Lieber-schoen.html

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