Daphnis et Chloé by B. Millepied © Yan Revazov
Yan Revazov
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Deutsche Oper - Staatsballett Berlin: "Maillot / Millepied"

Bewertung:

In den letzten Monaten war das Staatsballett Berlin v.a. ein heftig diskutiertes Politikum. Der Streit um die Intendanz-Übernahme durch Sasha Waltz und Johannes Öhmann ab 2019 hat die künstlerischen Fragen überlagert. Das sollte sich nun ändern, mit der Doppelpremiere gestern Abend in der Deutschen Oper Berlin, mit den beiden Stücken der französischen Choreographen Jean-Christophe Maillot und Benjamin Millepied.

Keine Proteste vor der Premiere

Und tatsächlich gab es keine Proteste, keinen Aufruhr und auch keine aufwiegelnde Rede von Intendant Nacho Duato wie vor dem "Nussknacker", der letzten Staatsballett-Premiere im Oktober. Alles lief geschäftsmäßig routiniert, der Protest gegen Waltz und Öhmann und kurioserweise ausgerechnet für eine Rückkehr von Vladimir Malakhov findet derzeit v.a. im Internet statt. Der Tanz möge wieder im Vordergrund stehen, hatten sich ja auch einige der Staatsballett-Tänzer im Vorfeld dieser Premiere gewünscht.

Altro Canto by J.-C. Maillot © Yan Revazov
© Yan Revazov | Bild: Yan Revazov

Neoklassisches von Jean-Christophe Maillot und Benjamin Millepied

Jean-Christophe Maillot und Benjamin Millepied sind beide Vertreter des neoklassischen Balletts französischer Spielart, also weicher, lyrischer und erzählerischer als etwa in der Ursprungsversion von George Balanchine.

Jean-Christophe Maillot, Mitte 50, ist der erfahrenere der beiden, war früher Tänzer bei John Neumeier in Hamburg, ist seit 1993 Künstlerischer Leiter und Chefchoreograph des Balletts in Monte Carlo, wo es ihm gelingt, sein Ballett weiterzuentwickeln und das spezielle Publikum des Fürstentums anzusprechen.

Benjamin Millepied, Ende 30, ist als Tänzer durch die Balanchine-Schule beim New York City Ballet gegangen und ist der prominentere, seitdem er beim Hollywood-Film "Black Swan" mitgewirkt und dabei seine heutige Ehefrau Natalie Portman kennengelernt hat. Hollywood-Glamour ist also im Spiel, wobei Millepied zuletzt durch seinen überraschend frühen Abschied, nach nur 1,5 Jahren, vom Ballettdirektor-Posten der Pariser Oper für Aufsehen gesorgt hat.

Beide sind international höchst angesehen, in Berlin war jedoch bedauerlicherweise kaum bis gar nichts von ihnen zu sehen, Millepieds "Daphnis et Chloe"-Stück ist sogar Deutsche Erstaufführung.

Altro Canto by J.-C. Maillot © Yan Revazov
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Jean-Christophe Maillot: "Altro Canto"

Es ist eine seltsame Idee, beide Choreographien in einem Doppelabend zu vereinen, denn sie passen nicht wirklich zueinander. Maillots "Altro Canto" (2006) ist eine liturgisch-rituelle, zeremonielle Andacht in Kerzenschein und Millepieds gestraffte Maurice-Ravel-Version des antiken Liebes-Schäfer-Idylls "Daphnis et Chloe" (2013) ein farbenprächtiges, überbordend üppiges Fließen und Strömen.

Jean-Christophe Maillots Choreographie zu barocker und geistlicher Musik, v.a. aus Claudio Monteverdis "Magnificat" ist eine befremdlich betuliche Schein-Heiligkeit. Der eigentliche religiöse Gehalt der Musik spielt kaum eine Rolle, Maillot folgt simpel Takt, Melodien, Tempi, Rhythmen und Emotionalitäten der Musik, versucht zwar mit Dutzenden von der Decke hängenden Kerzen eine sakrale, kathedralenähnliche Atmosphäre zu erzeugen, bietet aber einen sehr kleinen Resonanzraum der immensen Glaube-Liebe-Hoffnung-Tiefe der Musik.

Das Cross-Gender-Element mit den Kostümen von Karl Lagerfeld, Hosen und Röcke für Männer und Frauen oder mit den Dominanz-Wechseln im Tanz, die Frauen geben zumeist den Männern die Bewegungen vor – dieses Cross-Gender-Element wäre vor 20 Jahren vielleicht noch aufsehenerregend gewesen, wirkt heute aber altbacken.
Immerhin ist es ein gut konsumierbares Stück und wurde vom Publikum freundlich in Empfang genommen

Daphnis et Chloé by B. Millepied © Yan Revazov
© Yan Revazov | Bild: Yan Revazov

Benjamin Millepied: "Daphnis et Chloe"

Benjamin Millepieds geraffte "Daphnis et Chloe"-Version löst sich ganz im Liebesidyll auf, wesentliche Handlungsstränge fallen sinnvoll gekürzt weg. Die glänzende Elisa Carrillo Cabrera und der ungewohnt matt-brav-ausdrucksschwache Mikhail Kaniskin sind das wie bedröhnt dauerlächelnde Liebespaar, dem sich auch böse Verführer oder Piraten vergeblich in den Weg stellen – ihre Liebes-Pas-de-Deuxs sind tatsächlich betörend. Die Gruppenszenen-Tänze der Nymphen, Piraten und des Landvolks sind sehr süffige, luxuriös-verschwenderische Arrangements, die mitunter an die Tanz-Einlagen im frühen Hollywood-Film erinnern, nur deutlich raffinierter choreographiert.

Dies ist bei weitem keine perfekte Choreographie, dazu ist sie zu unausgewogen, zerfällt in Miniaturen und Große Szenen und ist zu gewollt lieblich im Idyll, dagegen völlig überzeugend im Brüchigen und Dämonischen. Dennoch gehört sie zum interessantesten, was das Staatsballett seit langem hat zeigen können, ist trotz der vielen zu glatt polierten Oberflächen vielfältig und stimmungsreich und auch in stilistisch-tänzerischer Hinsicht, anders als das Maillot-Stück, eine angemessene Herausforderung für die Staatsballett-Tänzer, die sich nach recht schwachem, unkonzentriertem Auftakt bei Maillot zum Ende bei Millepied deutlich gesteigert haben.

Dafür gab es zu Recht starken Applaus für die Tänzer und die Musiker des Orchesters der Deutschen Oper und die Sängerinnen und Sänger des Extrachores, die unter der Leitung von Marius Stravinsky einen brillanten Ravel gespielt und gesungen haben.


Zuerst lauwarm-lasch, dann beachtlich ansehnlich – ein janusköpfiger Staatsballettabend – nicht die Glanz-Nummer, die in diesen Krisenzeiten nötig wäre.

Frank Schmid, kulturradio

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