Renaud Capuçon und Robin Ticciati © Kai Bienert
Kai Bienert
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Philharmonie Berlin - DSO Berlin unter Robin Ticciati

Bewertung:

Der junge schottische Dirigent Robin Ticciati tritt im September sein Amt als neuer Chefdirigent des Deutschen Symphonieorchesters Berlin an. Vorgestellt haben sich beide den Berlinern schon vor einiger Zeit, nun konnte das Publikum der Philharmonie DSO und Ticciati ein weiteres Mal erleben.

Das von Ticciati ausgewählte Repertoire stammte aus drei Jahrhunderten, passte aber erstaunlich gut zusammen, weil alle drei Werke im Grunde zutiefst romantisch waren. Also um es genau zu sagen: es gab Elgars Violinkonzert von 1910, eine Mitternachtsmusik (Near midnight) von Helen Grime aus dem Jahr 2012 und dann die Rheinische Sinfonie von Schumann (1850).  Die etwas verhangene selbstreflektive Tendenz  aller drei Stücke war schon wieder so artverwandt, dass ich's am Ende fast schon wieder als monochrom empfand. Eine gewisse Melancholie beim Zuhören stellte sich bei mir bei jedem Werk ein. Aber vielleicht war das ja auch so gewollt. 

Renaud Capuçon © Kai Bienert
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Opulenter Elgar

Elgars großes Violinkonzert (groß vor allem im temporären Sinne – es dauert über 50 Minuten)    vermittelt eine gelassene Kraft; das Ganze etwas dösig–versponnen ohne zündende Thematik. Aber hört man genauer hin, ist das scheinbar träge Werk dann doch erstaunlich filigran und zart gewebt und wurde vom Geiger Renaud Capuçon adäquat schwerelos gespielt, mit einer Leichtigkeit, die wirklich fast schon an die Kunst des Uraufführungssolisten Fritz Kreisler gemahnte. Der große Clou an diesem Konzert ist, dass im letzten Satz, wo man nun eigentlich einen großen stürmischen Kehraus erwartet, noch einmal eine riesige lyrischen Episode heraufdämmert, eine gewaltige Kandenz, deren Orchesterbegleitung ganz zart und wie ein akustischer Gazeschleier um das Solo herumflirrt. Und das muss man wirklich sehen, um es vollständig genießen zu können: diese fast erotischen mandolinenhaften Handbewegungen der Streicher, nur eine Andeutung von Pizzicato ...  Solch einen schwerelosen Effekt kann man nur mit einem sehr guten Solisten und einem absolut empathischen Orchester erreichen – und er wurde erreicht. Ein tolles Orchester, immer wieder.

Robin Ticciati © Kai Bienert
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Breitwandige Mitternachtmusik

Das obligatorische Werk der neuen Musik, ohne deren Aufführung heute kein Dirigent mehr ruhig schlafen kann, ohne mehrmals, von Gewissens-Alpträumen gemartert, hochzuschrecken, war diesmal ein kurzes und merkwürdiges Stück: Near Midnight, und entsprechend düster. Geheimnisvolle Streicher; subtil, aber auch seltsam unverbindlich, eher Gebrauchsmusik als reine klangliche Reflektion. Es hätte auch in "Poltergeist II", Szene 23 nicht befremdend gewirkt. Recht breitwandig-cineastisch, trotz aller filigranen Feinarbeit am Orchestersatz. Vielleicht für sich genommen gar nicht so spannend, aber sehr glücklich gewählt als Gelenkstück zwischen Elgar und Schumann, also von Robin Ticciaci als eine Art geistreiche Verwandlungsmusik zwischen zwei großen Akten muskalischer Romantik sehr klug verwendet.

Detailverliebt und manchmal etwas zu versponnen

Robin Ticciati ist trotz seiner Jugend ein eher verhaltener Orchesterleiter. Ganz unprätentiös;  man hat bei ihm nie das Gefühl, das er klassische Musik als knalligbuntes Event verkauft, er biedert sich dem Publikum mit seien Interpretationen nicht an.

Ähnlich wie Charles Mackerras schafft es Ticciati, Werke an einem Abend mit demselben Orchester völlig unterschiedlich klingen zu lassen. Das sollte ja immer so sein, ist aber recht selten wirklich der Fall.  Aber hier war der Orchestersound des Schumann doch extrem erfrischend abgehoben vom Elgar. Die Rheinische klang fast wie auf Instrumenten von 1850, ungeheuer durchsichtig und vielschichtig, fast mendelssohnsch. Erreicht wird solche Raffinesse durch eine sehr intensive Liebe zum Detail. Ein elegantes Wegducken der Streicher bei Bläserpassagen hier, eine glasklare Auffächerung von Klangstrukturen da.

Ticciati scheint zu den Dirigenten zu gehören, die bei ihrer Wanderung durch die Musik gern auch mal an den Wegrand gehen und gelassen ein Blatt aufsammeln, um es mit Genuß zu zerpflücken. Sehr beeindruckend, doch das alles passiert manchmal auf Kosten der Zugkraft. Ich habe mir alle Tempi um 10 Prozent flotter vorstellen können. Manchmal hätte – für mich -  mehr Feuer den ohnehin recht schwerblütigen Stücken gutgetan. Aber hier nähern wir uns dann doch sehr den sehr subjektiven Vorlieben des Rezensenten. Und wer weiß, vielleicht kommt da ja noch was! Unterm Strich ist Ticciati ein sehr unaufgeregter, aber aufregender Dirigent, und man kann es nicht besser sagen als mit Otto Reutter: Was ihm fehlt an Temperament, das ersetzt er durch Talent.

Matthias Käther, kulturradio

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