Deutsches Theater Berlin, Aussenfassade © imago/Steinach
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Deutsches Theater - "10 Gebote"

Bewertung:

Die 10 Gebote waren in erster Linie ein Regelwerk für ein Leben in Freiheit, das die Würde eines jeden Menschen wahren sollte. Doch was bedeuten die 10 Gebote heute? Eine zeitgenössische Recherche von Jette Steckel ...

Das Publikum am Deutschen Theater ist mit Jette Steckel schon durch dick und dünn gegangen. Es hat bei Camus den Kopf in einen Fotokopierer stecken müssen. Bei Shakespeares "Othello" erlebte es einen Mohren von Venedig, der nicht nur nicht schwarz, sondern außerdem auch noch eine Frau war. Schnitzlers "weites Land" war ein großes Gefühls-und Möbelrücken. Und wenn sich die Regisseurin jetzt an den Dekalog macht, verlangt sie vom Betrachter gute Kondition.

4 Stunden dauert der Abend, der nicht einfach "Stück" oder "Drama" heißt, sondern sich hochmodisch eine "zeitgenössische Recherche" nennt. Wir befinden uns in einem "Denkraum". Und immerhin 13 Autoren, Männer und Frauen, liefern ihre Beiträge. Die neun beteiligten Akteure sind darstellerisch, sprachlich und auch körperlich stark gefordert.

Der Abend beginnt furios

Die einzelnen Kapitel dieses Abends wollen nicht etwa die Verbote und Gebote, die der Herr mit seinen Fingern auf die Tafeln schrieb, verbildlichen und illustrieren. Thomas Mann sprach vom "Grundgesetz des Menschenanstandes". Es wird hier mit Energie für den heutigen Gebrauch assoziiert, infrage gestellt und auch konterkariert. So gibt es für das siebte Gebot glatt eine zusätzliche Variante: "Du sollst stehlen".

Die Qualität, mit der die einzelnen Gebote mit Texten oder Videos angegangen werden, ist höchst unterschiedlich. Auch hier hätte man sich ein weiteres Gebot gewünscht und zwar mit dem alten Telefonzellenmotto: fasse Dich kurz. Zu der Aufforderung "Du sollst den Feiertag heiligen" wäre Erheblicheres, Kritischeres wünschenswert, als ein lahmes kollektives Video hergibt. Und das Gebot "Du sollst nicht töten" verlangt nach mehr als dem Sonderthema "Kannibalismus", das hier im Film mit nachgestellten Gesprächssituationen von Jan Soldat vorgeführt wird.

Die makabren extrem masochistischen Opferfantasien wecken beim Publikum betroffenes Gelächter. Die anschließende szenische Darstellung eines Abendmahls ist dann nur eine plumpe Geschmacklosigkeit.

Der Abend beginnt mit einem furiosen sprecherischen Alleingang zum ersten Gebot. Benjamin Lillie rast durch den teils elliptischen, voller kalauernder Wortspiele steckenden Wahnsinnstext, den Clemens Meyer geschrieben hat. Der Darsteller verausgabt sich bewundernswert, der Zuhörer ist erschlagen von diesem tollen Wortschwall und will keine anderen Götter mehr. Gleich danach, und kein größerer Kontrast lässt sich denken, das Verhör eines türkischen Jungen, der, wohl im Einverständnis mit der Familie, seine Schwester niedergestochen hat, weil ihnen deren Lebensstil nicht gefallen hat. Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen.

Natali Seelig verkörpert hier den gewalttätigen Jugendlichen mit seiner gereizten Aggressivität und schmutzigen Frauenverachtung. Ein spielerischer Höhepunkt des Abends bringt das neunte Gebot, "Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Haus" satirisch in die Gegenwart.

Ole Lagerpusch und Wiebke Mollenhauer führen diesen frechen Diskurs mit einem Text von Mark Terkessidis wie zwei ausgeflippte wohlstandsgesättigte Kids über Hausbesetzungen und Neidgesellschaft und Bio als Klassenkampf. Das ist eine erstklassige und erhellende Kabarettnummer. Viel ruhiger dagegen ein mit Anekdoten gespickter Beitrag von Jochen Schmidt zum vierten Gebot. Er speist sich aus den vielfältigen Erinnerungen der Väter, der Mütter und Großmütter an Flucht und Krieg und politische Standfestigkeit. "Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren" - in Sütterlin geschrieben.

Es sind ausgerechnet zu lang geratene Minidramen von Autoren wie Dea Loher, Navid Kermani, Felicia Zeller, auch ein Pornodram von Nino Haratischwili, die literarisch nicht zünden und nur durch das spielerische Temperament des Ensembles erträglich werden. Vermeintlich aktuelle Pointen - "Lastkraftwagen" für Du sollst nicht stehlen - überhört man lieber.

An den Schluss hängt Jette Steckel nun allen Ernstes den Auftritt des "Allerersten in Allem": der Schöpfer leibhaftig erscheint als eine Art Michelangelo-Teddybär mit einem realen Schaf aus einer Filmtierschule an der Leine und entschuldigt sich für die "Designfehler" seiner eigenen Schöpfung. Furchtbar ulkig, Ach Du lieber Gott.

Peter Hans Göpfert, kulturradio

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