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Deutsches Theater | Kammerspiele - "Das Fest"

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Das Fest beginnt mit den üblichen Begrüßungen und Glückwünschen. Man erinnert sich an die gemeinsame Vergangenheit. Und dann kommt es zum großen Eklat.

Es wird ein Familienfest gefeiert: der 60. Geburtstag des Vaters, Helge – wie er von allen genannt wird. Alle sind da, die Kinder, soweit vorhanden Enkel, die Großeltern, der Onkel. Der älteste Sohn, Christian, der es in der Gastronomie in Paris zu einer Art Tim Raue gebracht hat, hält eine Rede. Darin wirft er dem Vater vor, ihn und seine Zwillingsschwester Linda als Kinder sexuell missbraucht zu haben. Linda hat sich erst kürzlich unter dem traumatischen Druck der Vergangenheit das Leben genommen.

Die Mutter wusste von diesen inzestuösen Handlungen, aber sie hat über all die Jahre geschwiegen. Es ist eine Ödipusgeschichte, nur dass der Patriarch hier wissentlich schuldig wurde. Die Familie, die Gäste gehen zunächst über die Anklage, die der Sohn da vorträgt, hinweg. Und am Ende gibt es keine Katharsis, aber immerhin Schuldeingeständnis und Rückzug.

Sekt zur Begrüßung

Es handelt sich bei diesem Stück um eine Adaption: Thomas Vinterberg und Mogens Rukov haben ihren vielfach preisgekrönten, 1998 nach den Regeln des Dogma-Manifests entstandenen Film für das Theater selbst recycelt. Diese Stückfassung ist in den letzten 16 Jahren landauf, landab an deutschen Theatern inszeniert worden.

Erst vor zwei Jahren war beim Theatertreffen die Stuttgarter Fassung von Christopher Rüping zu sehen. Er ließ, auch eine Plattitüde des Mitmachtheaters, das Publikum darüber abstimmen, welche Tischrede gehalten werden soll. Es ist dann schon verwunderlich, wie bereitwillig Zuschauer noch immer in die Geburtstagsfeier einstimmen, sich zum Prosit von ihren Sitzen erheben und ein Lied mitsingen ("Viel Glück und viel Segen").

Michael Thalheimer ließ Teile des Publikums in Dresden an einer langen Tafel Platz nehmen und servierte Gemüsesuppe und Lachs. Am Deutschen Theater werden die Zuschauer jetzt mit Sektgläsern begrüßt.

Darsteller mitten im Publikum

Die Besucher, gewissermaßen Gäste des Fests, sitzen nicht im regulären Zuschauerraum. Oben auf der Bühne der Kammerspiele umgeben Tribünen die Spielfläche. Eine Art Tribunal-Situation. Man ist es ja am Deutschen Theater von sämtlichen Premieren gewohnt, dass große Teile des dann allerdings spielfreien Ensembles applausfreudig anwesend sind.

In diesem Fall nun haben Darsteller mitten im Publikum Platz genommen, die am Spiel beteiligt sind. Der Opa, die Oma, später auch der Jubilar und seine Frau und Christians langjährige Freundin.

Die Inszenierung von Anne Lenk ist also sichtlich um Direktheit und um Authentizität bemüht. Umso erstaunlicher, dass in dieser Aufführung keineswegs die gespannte Atmosphäre wie mit dem Messer zu schneiden wäre.

Im Gegenteil: bei einer ausgiebigen Projektion des Familienalbums und einer Gesangsdarbietung eines zweiten Sohnes und seiner Frau wird es gemütlich langstielig. Aber der eigentliche Schock, den Christian mit seiner Rede auslöst, überträgt sich nicht auf den Zuschauer.

Raum für Improvisationen

Schon Vinterberg gab den Darstellern bei den Dreharbeiten Raum für Improvisationen. Auch Anne Lenk hat in ihrer Textfassung dafür Leerstellen gelassen. Eine spürbare Steigerung der Spannung, eine Dichte des Geschehens wird dadurch nicht erzielt.

Allerdings war das Ensemble gestern tatsächlich zur Improvisation gezwungen, als sich nämlich eine Sektflasche partout nicht öffnen ließ. Bei einem fremdenfeindlichen Ausfall gegen einen wohl arabischen Gast, mit Anspielungen auf Köln und Silvester, wird der Stegreif schnell zur Plattitüde.

Es spielt hier auf kleinem Raum ein vielfiguriges Ensemble. Darstellerisch im Einzelnen überzeugend, aber kein geschlossenes Tableau einer familiären Lebenslüge. Alexander Khuon gibt dem anklagenden Sohn mimisch überzeugendes Gesicht: Von der Erinnerung bedrängt, gleichermaßen zurückgehalten wie von angestauter Wut getrieben.

Dagegen spielt Jörg Pose einen weichen, manierierten Vater, ohne die Doppelgesichtigkeit dieser Rolle, die zugleich Sympathie auf sich zieht und Abscheu verlangt.

Diese Aufführung lässt weitgehend unberührt. Und wie schon andere Inszenierungen des Stücks zuvor weist sie nicht ins Allgemeinere. Etwa den Umgang der Familien mit der Schuld ihrer Väter und kollektiver Verdrängung.

Peter Hans Göpfert, kulturradio

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