Berliner Ensemble, Wahrzeichen auf dem Dach; Foto: © Carsten Kampf
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Berliner Ensemble | Pavillon - "Krankheit der Jugend"

Bewertung:

Dieses Stück trägt sozusagen die seelische Migräne schon im Titel: Krankheit der Jugend.

Ferdinand Bruckners Schauspiel spielt 1923 in Wien und nur in einem einzigen Zimmer. Darin gehen die Gefühle von Studenten kreuz und quer, die nicht wissen, wohin mit ihrem Leben, Lieben und Handeln. Sie quälen sich selbst und gegenseitig, sie erniedrigen sich und kommen dennoch nicht voneinander los.

Der Möchtegern-Schriftsteller, den sie bezeichnenderweise Bubi nennen, verlässt seine Geliebte Marie und wendet sich einer anderen zu, die keusch, tüchtig und raffiniert ist. Marie ihrerseits geht eine lesbische Bindung ein mit Desiree, die lustigerweise verkürzt Desie genannt wird und den merkenswerten Satz spricht: "Ich liebe das Bett".

Desie sucht irgendwie den Ausbruch, findet ihn aber nicht und schluckt schließlich Veronal. Die Pillen hat ihr der ewige Student Freder besorgt, der in diesem Kreis eine besondere Faszination verströmt. Als wäre es nur ein Experiment, schickt er das Zimmermädchen Lucy auf den Strich. Entweder verbürgerlichen oder Selbstmord begehen, das ist die Alternative.

Der besondere Witz

Das Stück, als es 1926 in Hamburg uraufgeführt wurde, war ein Knaller. Es machte den Autor auf Anhieb berühmt. Der besondere Witz war, dass sich hinter dem Pseudonym Ferdinand Bruckner der Direktor des Berliner Renaissance-Theaters verbarg, Theodor Tagger. Der hatte sein eigenes Stück, als es ihm dort angeboten wurde, abgelehnt.

Das war die wunderbare Zeit, als noch reiche Leute ihren Freunden ein Theater, und dann auch noch ein so schönes, einrichteten. Tagger hatte bis dahin als expressionistischer Autor nur mäßigen Erfolg gehabt, dann schwenkte er stilistisch um.

An der Grenze zur Farce

"Krankheit der Jugend" ist, seit es Peer Raben 1973 am Bremer Theater reanimiert hat, immer wieder neu entdeckt worden. In den Siebzigern ließ sich aufschlussreich im jüngeren Seelennebel stochern. Die Verzweiflung der Neuen Sachlichkeit hatte damals noch etwas von einer sich in Gefühlsdingen verdiskutierenden Generation, die ihren Freud gelesen und – 1968 – intensiv durchlebt hatte.

Später fragte man sich, was unterscheidet den Schmerz, der in den Zwanzigern durch die Adern der Sensiblen raste, vom Leiden und Leidenwollen der Nullbock- und No-Future-Generation?

Die jetzige Inszenierung der jungen Regisseurin Catharina May hat nicht den Finger an einem genau datierbaren Zeitgefühl. Sie betrachtet diese jungen Menschen nicht, wie andere Regisseure das taten, wie in einem Laborversuch. Sie blickt auf sie eher mit einem lachenden als einem weinenden Auge.

Die Aufführung im Pavillon des Berliner Ensembles, Veronal hin oder her, geht immer wieder amüsant an die Grenze zur Farce, und darüber hinaus.

Darstellerisch ein Vergnügen

Diese Inszenierung auf der kleinsten Spielstätte des Berliner Ensembles ist vor allem darstellerisch ein Vergnügen. Alle sieben Darsteller, drei Männer, vier Frauen, stürzen sich mit Lust an grotesker Körperlichkeit ausdrucksstark in ihre Rollen und die witzig aphoristische Sprache.

Anders als der Autor, zwingt die Regisseurin ihre Spieler nicht ins Typenhafte. Das latent Böse ist ihr eher fremd. Angeblich soll die Rolle des alle dominierenden Freder Vorbild für den Kowalski in "Endstation Sehnsucht" gewesen sein. Tennessee Williams lernte Bruckners Stück in Amerika kennen. Sven Scheele, jetzt, ist mehr ein jungen- als ein machohafter und krimineller Charakter oder blutsaugendes Raubtier.

Felix Strobel legt überaus komisch einen hochnervösen und fahrigen Jüngling hin, der ein toller Kerl sein will, aber nicht mal mit dem Korkenzieher und den eigenen Beinen zurechtkommt. Celina Rongen ist in dieser Gefühlssturmflut als Marie im Dauereinsatz, wenn es sein muss, ringkämpfend, eifersüchtig schwankend zwischen dem anderen und dem eigenen Geschlecht.

Bruckner hat seinem Schauspiel zwei Schlüsse geschrieben. Die Regisseurin gönnt ihm und der Darstellerin der Marie einen weiteren. Die steigt nämlich am Ende kurzerhand in einen Kühlschrank. Auch dieser Fridge ist bezeichnenderweise ein Modell, nicht ganz von gestern, aber auch nicht von heute.

Peter Hans Göpfert, kulturradio

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