Maxim Gorki Theater; Foto: Gregor Baron
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Gorki Theater - "Der Mann, der Liberty Valance erschoss"

Bewertung:

Die Erzählung von Dorothy M. Johnson feierte einen großen Erfolg auf der Leinwand. Wie wirkt der Stoff nun auf der Theaterbühne?

Dorothy M. Johnson ist wohl bis heute in Amerika im Genre der Wildwest-Literatur eine Berühmtheit. Mehrere ihrer Novellen wurden erfolgreich verfilmt. Die Blackfoot machten sie sogar zum Ehrenmitglied. Aber man liegt nicht falsch, wenn man sich – vielleicht – noch an den Schwarzweiß-Film von John Ford aus dem Jahr 1962 erinnert. In den USA, etwa im Magazin "New Yorker", wurde seine Botschaft durchaus positiv als politisch wichtig angesehen. Hierzulande war man da kritischer.

Als der Film im Zoopalast anlief, schrieb ein Kritiker: "die beiden alten Knaben James Stewart und John Wayne – können sie nicht einmal aufhören, jugendliche Helden und Liebhaber zu sein?" Tatsächlich war der Film ziemlich kulissig, und als ich ihn jetzt noch einmal sah, wirkten auf mich manche Charaktere, der hasenfußige Sheriff, der besoffene Lokalreporter, klamottenhaft überzogen.

Ziemlich abgestanden

Hakan Savaş Mican versucht, seiner Inszenierung durchaus das Gepräge von einem Kintopp-Dreh zu geben. Das Bühnenbild von Sylvia Rieger zeigt ein Filmset für das Wildwest-Kaff Two Trees. Postkutschenzeit mit einigen heutigen Zutaten. In beidseitigen Projektionen werden verschiedene Szenen per Video gedoppelt.

Zu Beginn sieht man da, wie der Darsteller des Rechtsanwalts Ransom Foster die Wunden und Veilchen angeschminkt bekommt, die er bei einem Überfall des Banditen Liberty Valance davongetragen hat. Dieser unerfreuliche Knabe tyrannisiert die gesamte Community. Nur einen, den Cowboy Bert Barricune, respektiert Valance.

Diese Castorferei, bei der ständig ein Videofritze mit seiner Kamera auf der Bühne hinter den Darstellern her ist, ist inzwischen kein origineller Einfall mehr, sondern wirkt doch schon ziemlich abgestanden. Der Stoff scheint übrigens in der Luft zu liegen: Erst vor drei Jahren kam in London eine Bühnenfassung heraus.

Viel direkter

Die Geschichte ist ja die, dass der Rechtsanwalt aus der Großstadt, der jede Waffengewalt ablehnt und auf seine juristische Fachliteratur pocht, große politische Karriere macht und sogar die von Bert geliebte Steakhaus-Köchin Hallie heiratet, weil er, der Revolver-Untüchtige, wie in Film und Stücktitel versprochen, den Banditen erschossen hat: Angeblich – angeblich hat er ihn erschossen. Unbemerkt gab nämlich der lautere Cowboy Bert den tödlichen Schuss ab.

Im Film will der vermeintliche Schütze erst nach Jahrzehnten seine unverdiente Heldenrolle aufklären, nachdem er längst zum Senator und sogar Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten aufgestiegen ist. Aber dieses Coming-out wird ihm nicht gestattet – mit dem berühmten journalistischen Hinweis: "wenn die Legende zur Wahrheit wird, druck die Legende".

Hakan Savaş Mican wird da viel direkter. Die Schummelei mit dem Todesschuss ist jetzt rundum bekannt. Der Rechtsanwalt, der den Einwohnern Unterricht in Recht, Ordnung, Gleichberechtigung und Pressefreiheit gegeben hat, hat nicht einmal ein ordentliches juristisches Examen gemacht.

Darstellerisch nett

Mican ist selbst nicht nur Theater- sondern auch Filmemacher. (Er hat am Gorki Theater eine amüsante und bewegende Adaption von Fassbinders "Angst essen Seele auf" inszeniert.) Seine jetzige Inszenierung will angeblich die Frage stellen: "auf welchem Fundament ist das, was wir Demokratie nennen, aufgebaut?"

Die Antwort, die Mican gibt, fällt ziemlich platt aus. Der Verbrecher Liberty Valance mutiert hier zu einem Vulgo-Patrioten. Lieber will er am Galgen hängen, als Depressionen in einer Nichtraucherkneipe bekommen, sagt er. Und hat ein paar Sprüche drauf, die nicht in die 140 Zeichen seines offenbar politischen Vorbilds passen würden.

Die Einwohner Two Trees legen irgendwann so etwas wie eine Cowboy-Ballettnummer hin. Der falsche Held wird mit Glühbirnen dekoriert wie ein Weihnachtsbaum. Die liebe Hallie posiert als Freiheitsstatue mit Fackel. Das ist putzig, darstellerisch ganz nett, aber doch eher angestrengt. Gelangt zu keinem überzeugenden Fazit. Als naives Jugendtheater lässt man es durchgehen.

Ich will auch darauf hinzuweisen, dass die Intendantin des Gorki Theaters, die gerne nach Premieren das letzte Wort hat, dabei diesmal einen Cowboyhut getragen hat.

Peter Hans Göpfert, kulturradio

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