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Festival "Made in Potsdam" - Nadia Beugré: "Legacy"

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Mit einer Deutschlandpremiere wurde in der Fabrik Potsdam das Festival "Made in Potsdam" eröffnet, mit der Premiere von "Legacy", der Choreographie der französisch-ivorischen Tänzerin und Choreographin Nadia Beugré. Ein Stück, in dem ausschließlich Frauen tanzen und das an antikoloniale Proteste in der Elfenbeinküste Ende der 1940er Jahre erinnert.

Frauen-Marsch auf Washington

Eine gelungene Festival-Eröffnung, auch, weil die Eröffnungsreden erst nach Nadia Beugrés Stück gehalten wurden, einer Choreographie, die völlig offen endet, die Tänzerinnen und Publikum auf der Bühne ins Gespräch bringt. Ein fließender Übergang zu den Dankeschön-Reden an das Land Brandenburg, die Stadt Potsdam, die französische Botschaft und vor allem an das Institut Français Deutschland, das von immenser Bedeutung für die Fabrik Potsdam ist, das seit Jahren schon mit seinem Austauschprogramm Residenzen internationaler Künstler in Potsdam und damit auch das Made-in-Potsdam-Festival ermöglicht. So auch die Erarbeitung und Aufführung von Nadia Beugré im Rahmen dieses Festivals, das in seiner nun schon sechsten Ausgabe neben Tanz auch Performance, Bildende Kunst, Konzert und Literatur präsentiert.

Sven Till, der künstlerische Leiter der Fabrik Potsdam, hat seine Eröffnungs-Rede auch genutzt, um in Anknüpfung an Nadia Beugrés Choreographie auf den Marsch der Frauen auf Washington hinzuweisen, am 21. Januar, einen Tag nach der Amtseinführung von Donald Trump.

"Legacy" ©DylanPiaser
"Legacy" ©DylanPiaser

"Legacy" - Inspiration in Erinnerung an Frauen-Aufstand 1949

Die Inspiration für ihr Stück hat Nadia Beugré im Frauenprotest 1949 in der Elfenbeinküste gefunden. Im Protestmarsch von Frauen, die für die Freilassung ihrer inhaftierten Männer gekämpft haben, ein Kampf gegen die französischen Kolonialherren, die den Aufstand schließlich niedergeschlagen haben. Nadia Beugré sieht ihr Stück als Tribut an sie und an all jene Frauen, die überall auf der Welt gekämpft haben und noch immer kämpfen: für Menschenrechte, Frauenrechte, Freiheit und Würde, wie sie selbst sagt.

Das ist das Erbe, "Legacy", das sie annehmen und auf seine Aktualität befragen will, und so flüstert eine Tänzerin mit intensivem Blick in jedes Zuschauerauge: "Bleib dabei. Bleib deinen Träumen, Phantasien und Sehnsüchten treu. Setze dich auseinander, stell in Frage.". Ein Aufruf, aktiv zu sein, sich einzumischen, sich politisch zu engagieren.

Massenchoreographie und BH-Installation

Ein klares politisches Statement, das Nadia Beugré mit Massen- und Solo-Duo-Szenen und mit einer Installation mit tausenden BHs umsetzt. Zu Beginn laufen, hüpfen, stampfen zwölf Frauen über die Bühne in Arena-Form, das Publikum sitzt an allen Seiten nah an der Tanzfläche. Die Frauen, zwei Profis und Laientänzerinnen aus Potsdam, darunter auch ältere Damen, sind eine gewaltige heterogene Masse. Jede bewegt sich in ihrem eigenen Stil, nach ihren eigenen Möglichkeiten und doch sind sie eine mächtige Gemeinschaft, die sich willensstark in Erschöpfung treibt und uns Zuschauern eine herausfordernde Intimität zumutet, eine Gemeinschaft, die uns bedrängt: durch die unmittelbare Nähe, den Lärm des Stampfens, den Geruch des Schweißes, durch die konfrontativen Blicke und ihre Nacktheit – irgendwann sind alle fast vollständig entblößt.

In den Solo- und Duo-Szenen tanzt Nadia Beugré zu einem deftigen E-Bass-Gitarren-Sound einen expressiven Tanz, der oszilliert zwischen Aufbruch und Verzagen, Angst und Wut - ein Wahrnehmen des eigenen Körpers, der Dynamik und Macht und der Kraft, die im rituellen Tanz und der Erinnerung an die Frauen von damals liegt.

Eine Botschaft, auf den Punkt gebracht in einer Installation mit tausenden BHs, die zu Netzen zusammengebunden an die Bühnen-Decke hochgezogen werden, ein Himmelsdach aus bunten BHs. Hier spielt Nadia Beugré wieder mit dem Motiv der Nacktheit als Protestform und knüpft erneut an das künstlerische Erbe an, in der Erinnerung an den Adjanou-Tanz, einen heiligen Ritual-Tanz, den in der Elfenbeinküste nur Frauen tanzen dürfen, zumeist nackt, ein Tanz um die Gemeinschaft zu stärken, das Böse zu vertreiben.

Energiegeladene, kraftvolle Choreographie für eine liberale Gesellschaft

In der Regel ist politisch motivierte Kunst, die sich einem Auftrag unterordnet und Engagement einfordert, keine gute Kunst. Bei Nadia Beugré ist das nicht der Fall, da sie ihr politisches Anliegen als Wahlfreiheit präsentiert, nichts erzwingen sondern motivieren will.
Die Gruppen- und Solo-Duo-Szenen klaffen zwar etwas auseinander und der Tanz ist auch etwas zu metaphorisch, entweder überdeutlich in der Botschaft oder für unsere europäischen Augen nicht entschlüsselbar, wenn er sich auf afrikanische Traditionen beruft.

Aber Nadia Beugré hat eine lust-, kraft- und phantasievolle, eine energiegeladene und inspirierende Choreographie entworfen. Nicht umsonst gelingt das Ende so gut, die Gespräche zwischen Tänzerinnen und Zuschauern auf der Bühne in einer offenen, gleichberechtigten, hierarchiefreien und angstfreien Atmosphäre. Mit einfachen Mitteln erreicht Nadia Beugré das, wofür sie selbst kämpfen würde, eine liberale Gesellschaft, die Freiheit und Würde des Einzelnen garantiert.

Frank Schmid, kulturradio

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