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Komische Oper Berlin - "Petruschka/L’Enfant et les sortilèges"

Bewertung:

Mit dem Ballett "Petruschka" von Igor Strawinsky und der Oper "L’enfant des sortilèges" von Maurice Ravel ist die britische Theatergruppe "1927" derzeit an der Komischen Oper zu erleben. Wie die Mischung aus Musik, Animationen und Akrobatik aussieht, verrät Kai Luehrs-Kaiser.

Grotesken für Erwachsene

Strawinskys Ballett "Petruschka" und Ravels Kurzoper "L’Enfant et les sortilèges" ("Das Kind und der Zauberspuk") haben gemein, dass in ihnen Lebloses zum Leben kommt. In "Petruschka" sind es die Jahrmarktspuppen eines Gauklers. Bei Ravel rebelliert ein Kinderzimmer gegen die Angriffe eines bösen Kindes. Die Werke gehören nicht zusammen und werden sonst nicht nacheinander aufgeführt. "Petruschka" hat sich meistenteils in den Konzertsaal zurückgezogen. "L’Enfant et les sortilèges" wird gelegentlich als Kinderoper inszeniert (so auch schon an der Komischen Oper). Beides sind eher Grotesken für Erwachsene, die aber von Kindern, wie so vieles, gut aufgenommen werden können.

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Eine zweidimensionale Augsburger Puppenkiste

Bei der zweiten Opernproduktion der britischen Erfolgstruppe "1927" begegnen wir derselben drastischen, scherenschnitthaften Flach- und Silhouetten-Ästhetik wie vor zwei Jahren bei der "Zauberflöte" (die der Durchbruch der international zuvor wenig bekannten Gruppe war). Wo mir bei der "Zauberflöte" damals ein bisschen zu viel Blümchen und Schmetterlinge in Richtung Kitsch wiesen, ist die Bildersprache hier herber, abrupter, aber stets sehr reizvoll. Suzanne Andrade und der Animateur Paul Barritt verstehen ihre Arbeit als Hommage an die Berliner Filmpionierin Lotte Reiniger. Es erinnert auch an Graphiken von George Grosz, Ror Wolf und an die Roth-Händle-Werbung der 70er Jahre. Die Raffinesse fängt da an, wo in die Leinwand immer wieder Löcher fallen, sich Luken öffnen, aus denen die Protagonisten wie aus dem Film selbst hervortreten. Eine zweidimensionale Augsburger Puppenkiste also – mit vertikal doppeltem Boden. Man muss es gesehen haben.

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Gute Entscheidung

Dass man "Petruschka" nicht mit Tänzern, sondern mit Zirkusartisten besetzt (mit "verzweifelten Zirkusartisten", wie mir Suzanne Andrade im Vorfeld lakonisch sagte), hat damit zu tun, dass die Truppe der Oper fremd gegenüber steht; dem Ballett aber noch fremder. Artisten bieten die Chance, den Clown Petruschka als chaplinesken Tragikomiker zu zeichnen. Außerdem können Zirkusleute besser die Wände hochgehen und damit der Gravitation spotten, ganz ähnlich wie gezeichnete Figuren in der Animation. Gute Entscheidung.

Vorzügliche junge Sängerinnen

Schon bei "Zauberflöte" war das Problem: Wer nicht vorher nachgesehen hat, wer singt, wird es während der Aufführung auch kaum herauskriegen. So sehr sind die Sänger reduziert auf Abziehbilder ihrer selbst. Das ist insofern schade, als die Komische Oper mit Nadja Mchantaf und Talya Liebermann vorzügliche junge Sänger zur Verfügung hat wie schon lange nicht! Die sportliche Herausforderung besteht darin, den vom Film vorgegebenen Takt einzuhalten und nicht zu verlieren. Achung: Dies ist eine Opernmaschine! Markus Poschner als Dirigent muss das organisieren. Bemerkenswert, wie trennscharf, offensiv und klangexpressiv er das hinbekommt. Das Orchester der Komischen Oper ist erstaunlich gut geworden (und scheint trotzdem zu selbstbewusst zu sein in Bezug auf die noch immer ungelöste Nachfolge-Frage beim Generalmusikdirektor).

Zu schnell vorbei

Der Abend ist eine gute Sache, auch wenn er einen gewissen Miszellen-Charakter nie loswird. Er bleibt ein bisschen klein-klein. Intendant Barrie Kosky wollte wohl Druck herausnehmen aus der – immer schwierigen – Zweitproduktion (nach einem Großerfolg). Vielleicht wollte er auch verhindern, dass der Triumph allzu groß wird. Mit anderen Worten: Der Abend geht zu schnell vorbei. Wenn man bedenkt, dass "1927" Angebote aus aller Welt abgelehnt hat, um nur diese Produktion zu realisieren, so ist das wiederum: etwas schade.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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