Justin Doyle - Foto und Copyright: Matthias Heyde
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Philharmonie Berlin - RIAS Kammerchor unter Justin Doyle

Bewertung:

Das muss man sich erst einmal trauen: Als relativ unbeschriebenes Blatt gibt der designierte Chefdirigent des RIAS Kammerchors sein Berlin-Debüt mit einem unbekannten Händel-Oratorium – und überzeugt auf ganzer Linie.

Wenn das Berlin-Debüt von Justin Doyle am Ende sogar zu einem triumphalen Erfolg wurde, will das etwas heißen: bei einem Oratorium von Georg Friedrich Händel, das nicht nur sehr selten aufgeführt wird, sondern bei dem auch relativ schnell klar wird, warum das so ist.

Trotz vieler schöner Stellen liegt über manchen Szenen der Grauschleier lähmender Langeweile; es bleibt kaum etwas von der Musik im Gedächtnis. Wenn man das alles dann aber trotz fast drei Stunden Aufführungsdauer mit Genuss verfolgt, muss Justin Doyle einiges richtig gemacht haben.

RIAS Kammerchor; © Matthias Heyde
RIAS Kammerchor; © Matthias Heyde | Bild: Matthias Heyde

Der Schlangenbeschwörer

Justin Doyle ist ein akribischer Arbeiter, der nichts dem Zufall überlässt. Wirklich alles dirigiert er vor. Jeder winzige Stimmungswechsel wird mit einer wenigstens kleinen Handbewegung bedacht. Wenn Chor und Orchester plötzlich ganz leise sein sollen, geht er tief in die Knie, wenn er dichte Linien wünscht, formt er mit seinen Armen Bewegungen, die an einen Schlangenbeschwörer erinnern. Das kann auch schiefgehen: Wenn jemand allzu viel macht, könnte es erdrückend wirken. Das Gegenteil ist jedoch der Fall.

Der RIAS Kammerchor war auch schon vorher für sein Weltklasseniveau bekannt und gefeiert. Klarheit, Textverständlichkeit, Flexibilität – alles das war immer schon bei diesem Chor selbstverständlich. Justin Doyle bringt jedoch noch eine ganz eigene Art von Lebendigkeit und Präsenz hinzu. Er gibt sich nicht mit einer Grundstimmung zufrieden, sondern gestaltet unzählige Farben und Nuancen hinzu.

Man lauscht gespannt jedem Detail, weil es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt. Wo andere aufhören, macht er weiter – das ist Chorniveau in Vollendung. Und jetzt kann man wirklich verstehen, warum der Chor ihn als ziemlich unbeschriebenes Blatt gleich zum Chefdirigenten wählte.

Britische Solisten

Bei den Solisten setzte man auch gleich auf britische Kräfte, was sofort für eine Textdarbietung in Vollendung sorgte. Dazu kam eine gewisse Leichtigkeit als passende Grundhaltung. Roderick Williams als römischer Statthalter zelebrierte seinen schurkenhaften, fiesen Bass mit wunderbarem Zynismus. Tim Mead als römischer Offizier und Geliebter der Theodora berührte mit seinem sehr dichten Countertenor.

Allein Fflur Wyn in der Titelpartie fiel etwas ab; das war insgesamt doch eine Spur zu dünn und spitz. Alle jedoch verstanden es, ihren Rollen Charakter zu geben, ohne das es opernhaft wurde.

Orchester als Glücksfall

Gerne arbeitet der RIAS Kammerchor mit der Akademie für Alte Musik Berlin zusammen. Kein Wunder: Das ist nicht nur bei Händel ein Ensemble, das sich jeder Chor nur wünschen kann. Da wird nicht nur begleitet, sondern beeindruckend viel Substanzielles vorgegeben.

Das Barockensemble spielt die Einleitung einer Arie, und sofort weiß man, worum es da geht. Das ist kompetent, sinnlich – und hat doch so viel Spielerisches. Da scheinen sich alle immer einen Zentimeter über dem Boden zu bewegen, so leicht, so spritzig – kurz: ein Glücksfall.

Positive Ausstrahlung

Nach diesem Abend darf man zuversichtlich in die Zukunft blicken. Justin Doyle hat als designierter Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des RIAS Kammerchors nicht nur eine gelungene Aufführung abgeliefert, sondern auch gezeigt, über welch Charisma er verfügt. Da müssen alle noch ein bisschen lernen, speziell beim Verbeugen, was er mit seinen phantasie- und humorvollen Armbewegungen genau meint.

Am Ende wünschen alle wie aus einer Kehle ein gutes Neues Jahr, und man muss schon genau wissen, was man tut, wenn man nach drei Stunden noch einen Chor als Zugabe wiederholt.

Justin Doyle arbeitet nicht nur künstlerisch auf höchstem Niveau, sondern scheint auch menschlich über eine sehr positive Ausstrahlung zu verfügen. Scheint eine gute Wahl zu sein.

Andreas Göbel, kulturradio

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