Spectrum Concerts, Generalprobe am 8. Januar 2017; Foto: © Adil Razali
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Philharmonie Berlin - Spectrum Concerts: Kammermusikalische Heimat

Bewertung:

Seit fast drei Jahrzehnten bringt die Reihe "Spectrum Concerts" unter ihrem Leiter Frank Dodge anspruchsvolle, selten gespielte Kammermusik auf interpretatorisch hohem Niveau auf das Konzertpodium. Auch diesmal wieder.

Viel zu entdecken gab es, darunter die erste Kammersinfonie von Arnold Schönberg in Anton Weberns Quintettfassung, die man kaum einmal hört, einfach weil es einen gewissen Aufwand bedeutet, die Besetzung Klavier, Geige, Cello, Flöte und Klarinette zusammenzubekommen.

Die eigentliche Entdeckung des Abends war jedoch die Suite von Erich Wolfgang Korngold für die wohl ziemlich singuläre Instrumentenkombination zwei Geigen, Cello und Klavier linke Hand.

Unterhaltsam und anspruchsvoll

Erich Wolfgang Korngold hat dieses Werk für den Pianisten Paul Wittgenstein geschrieben. Dieser hatte im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verloren, konnte also nur noch mit der linken Hand spielen. So vergab er in großem Umfang Auftragswerke an einige der wichtigsten Komponisten, darunter Ravel, Prokofjew und Richard Strauss – und eben auch an Korngold.

Weil Wittgenstein eine Vorliebe für spätromantische Virtuosität hatte, stattete Korngold den Klavierpart entsprechend effektvoll, bisweilen donnernd und vollgriffig aus. Gleichzeitig ist das Werk jedoch unglaublich ambitioniert und verbindet kompositorische Dichte und Komplexität mit Charme, Witz und Humor sowie ein bisschen Wiener Schmäh. Eines der anspruchsvollsten Kammermusikwerke überhaupt.

Ausgeleuchtete Interpretation

Das Quartett war, wie bei Spectrum Concerts nicht anders zu erwarten, in bestechender Form – geradezu atemberaubend im Zusammenspiel. Da wirkten die drei Streichinstrumente zusammen mitunter wie ein einziges großes. Der Pianist Eldar Nebolsin absolvierte seinen einhändigen Part mit Löwenpranke, agierte dabei jedoch auch so raffiniert, dass es oft die Illusion erzeugte, als würde er mit beiden Händen spielen.

Insgesamt stimmte das Verhältnis von großer Entwicklung und witziger Charakterzeichnung. Ein Wiener Walzer, leicht angeschrägt und mehr angedeutet, eine fast etwas gewalttätige Groteske und dagegen ein wunderbar schlichtes Lied. Das umfangreiche Stück wurde hier tatsächlich bis in die kleinste Nische ausgeleuchtet. Eine Interpretation, die man sich nicht besser wünschen kann.

Janine Jansen (c) Sara Wilson/Decca
Janine Jansen; © Sara Wilson / DECCA

Zurück in der Familie

15 Jahre war die Geigerin Janine Jansen regelmäßig im Spectrum-Ensemble zu erleben. Nach über drei Jahren Abstinenz kehrte sie für dieses Konzert nun zurück. Eine vorzügliche Kammermusikerin war sie schon immer; nun erschien ihr Spiel noch weiter gereift. Welche Farben hinzugekommen sind, spürte man im langsamen Mittelsatz aus dem Kammerkonzert von Alban Berg, das der Komponist selbst für Trio bearbeitet hat.

Hier besonders ließ Janine Jansen ihre Qualitäten aufblitzen: spätromantische Verführung, Schmelz im Spiel, dann ein Aufbrausen, fast hart – und dann wieder ganz fahl und verletzlich, zudem eng verbunden mit der Klarinette, ein gegenseitiges Umspielen.

Sternstunde

Arnold Schönbergs erste Kammersinfonie ist immer ein heikles Stück, egal in welcher Fassung man es hört. Wenn die Quintettfassung von Anton Webern hier vor allem durch ihre Dursichtigkeit überzeugte, lag dies jedoch auch am Ensemble. Egal wie dicht und verschachtelt manches notiert ist – man hat fast alles gut gehört.

Überraschend war die klangliche Anlage. Gilt Schönbergs Opus 9 als wichtiger Aufbruch in die Moderne, wo Schönberg die Grenzen der Tonalität noch nicht ganz sprengt, so jedoch mehr als ausreizt, dominierte hier stellenweise eher eine spätromantische Grundhaltung, die sehr gut verdeutlichte, dass der Komponist – egal ob tonal, atonal oder zwölftönig schreibend – nie ganz vom expressiv-spätromantischen Gestus lassen konnte. Eine grandiose interpretatorische Ensembleleistung. Der ganze Abend war eine Sternstunde.

Andreas Göbel, kulturradio

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