Rainald Grebe © rbb/ Andreas Oppermann
Download (mp3, 4 MB)

Wühlmäuse Berlin - Rainald Grebe: "Das Elfenbeinkonzert"

Bewertung:

Nach vier Jahren ist es endlich wieder so weit: Der Liedermacher und Kabarettist Rainald Grebe legt sein nächstes Soloprogramm vor. "Das Elfenbeinkonzert" ist ein langer Abend, der emotional in die Extreme geht.

Anlass für den Titel des Abends ist eine Einladung, die Rainald Grebe von einer Bekannten, die beim Goethe-Institut der Elfenbeinküste gearbeitet hat, bekam, dort hinzufahren und etwas zu machen. Grebe hat die Einladung angenommen, sich aber den Kopf zerbrochen, was er dorthin musikalisch mitbringen könnte.

Seine Frage: Was kennt man dort möglicherweise nicht? Deutsche Volkslieder? Oder das Mittelalter – gleich Anlass für ein entsprechendes Lied. Auf einer großen Leinwand sieht man Videos, wie er mit Jugendlichen der Elfenbeinküste Lieder singt: "Atemlos" von Helene Fischer oder seine eigene "Brandenburg"-Hymne.

Mandy hasst den Handymast

Für den Abend ist das allerdings mehr der Aufhänger, um über deutsche Kultur und Tradition nachzudenken, auch über Begriffe wie Volk, Volkslied oder Volksmärchen. Ist das, was Herder, Goethe, Arnim, Brentano oder die Gebrüder Grimm überliefert haben, wirklich echt aus dem "Volk" oder eher stilisiert? Wie absurd ist es, wenn Robert Schumann ein Klavierstück schreibt mit dem Titel "Fröhlicher Landmann, von der Arbeit zurückkehrend"?! Ja, wenn der Bauer nach achtzehn Stunden Arbeit zurückkam, war er sicher nicht fröhlich, sondern eher verdreckt und kaputt.

Daneben macht sich Grebe über das Marketing deutscher Kleinstädte lustig, vor allem über die bisweilen ziemlich unfreiwillig komischen Claims wie "Karlsruhe – viel vor, viel dahinter" oder "Konstanz – die Stadt am H2O". Es geht um deutsche Sprache, um einen Freund, der Grebe täglich einen Schüttelreim schickt wie "Mandy hasst den Handymast". Und dann beklagt er sich, dass deutsche HipHoper in ihren Texten zunehmend unreine Reime verwenden. Kann er auch und macht auch ein Lied darüber: "Palmöl in Malmö". Es sind die typischen Spitzfindigkeiten von Rainald Grebe: originell und teilweise gleichermaßen hintersinnig wie absurd.

Der Herzschrittmacher gehackt

Ein weiterer Themenkomplex des Abends behandelt das Thema Digitalisierung. Gleich am Beginn stellt Rainald Grebe diverse Apps vor: Snapchat etwa, mit dem man Fotos witzig bearbeiten kann, oder Musical.ly, das auf einfache Weise erlaubt, zu Popsongs lustige Videos zu produzieren. Er kommt mit einem alten Koffer auf die Bühne, der ihm mal als Navi dient oder auch Kommentare abgibt wie "Kunden, die diesen Titel mögen, mögen auch (…) Katzenstreu." Oder er führt vor, wie man mal eben schnell im so genannten "Darknet" Waffen oder ein Kilo Koks kaufen kann.

Ernst und Spaß, Beschreibendes und überzeichnende Satire liegen hier eng beieinander. In seinen Liedern dominiert die Übertreibung, wenn es heißt: "Mir wurde heute der Herzschrittmacher gehackt – ich habe jetzt 180:120."

Risotto schmeckt auch ohne Reis

Der Abend ist wieder eine Mischung aus Liederprogramm und Kabarett. Eins geht aus dem anderen hervor. Das alles ist ein mehr als dreistündiges Assoziationsfeuerwerk. Manchmal stehen Lieder auch einfach so im Raum wie eines zum Thema Älterwerden, wenn es über die Sehschwäche heißt: "Ich sehe alles verschwommen wie bei Matisse und Monet" oder zum Thema Askese: "Ein Asket ist einer, der weißt: Risotto schmeckt auch ohne Reis."

 

Der traurige Hintergrund

Wie in den besten Grebe-Abenden liegt auch hier alles dicht beieinander: Man kann sich phasenweise ausschütten vor Lachen – und dann bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Es gibt einen Moment, in dem es ganz ruhig wird im Saal. Dann nämlich, wenn Rainald Grebe erzählt, dass seine Bekannte vom Goethe-Institut der Elfenbeinküste, die ihn dorthin eingeladen hatte, im vergangenen Jahr bei einem Terroranschlag ums Leben gekommen ist. Das stimmt leider wirklich: Die dortige Leiterin, die Kulturmanagerin Henrike Grohs, ist dort von Terroristen ermordet worden.

"Das Elfenbeinkonzert" lotet emotional Extreme aus, ist intensiv, chaotisch, hat ein unglaubliches Tempo, erschüttert das Zwerchfell und macht gleichermaßen betroffen. Darüber hinaus bringt der Abend ein paar neue grandiose wortgewaltige und bewegende Lieder. Ein Abend, der lange nachklingen wird und über den man eine ganze Weile nachzudenken hat.

Andreas Göbel, kulturradio

Weitere Rezensionen