Schaubühne: Der eingebildete Kranke © Katrin Ribbe
Katrin Ribbe
© Katrin Ribbe | Bild: Katrin Ribbe Download (mp3, 4 MB)

Schaubühne - "Der eingebildete Kranke"

Bewertung:

Schräg und satirisch? Thalheimer nimmt das Stück - als Komödie - nicht wirklich ernst.

Wenn man noch den "Tartuffe" im Kopf hat, den Michael Thalheimer vor gut drei Jahren an derselben Stelle inszenierte, kommt einem die Methode sofort bekannt vor. Und es liegt nur zu einem Teil daran, dass der Bühnenbildner beide Mal derselbe ist: Olaf Altmann. Auch diesmal inszeniert Thalheimer gewissermaßen einen Grand Guignol. Auch diesmal lässt er auf engstem Raum agieren. Aber während sonst für Thalheimer die Bühnenbilder eine enorm mitspielende Bedeutung haben, hat dieses jetzt nur einen vordergründigen Effekt.

Im "Tartuffe" geriet der Bühnenraum tatsächlich in Bewegung, er stand Kopf und warf die Menschen darin exzentrisch zusammen geballt in die Ecke, als käme wirklich das Weltengericht. Diesmal schaukelt und schwankt der Raum nur. Dieser Kubus ist gekachelt. Er hat nichts Persönliches. Sofort hat man die Assoziation von Klinik und Irrenanstalt. Und genau genommen sind alle Figuren in dieser Aufführung wirklich ziemlich irre.

Schaubühne: Der eingebildete Kranke | Peter Moltzen © Katrin Ribbe
Peter Moltzen © Katrin Ribbe

Groteske Zappel- und Übertreibungs-Nummer

Argan sitzt in einem sehr modernen Rollstuhl, der Patient, der sich einbildet krank zu sein und an dieser Einbildung unendlich leidet. Dieser Kranke kotzt, und er stößt einzelne Worte aus. "Wer kann die Pein ertragen?" fragt er. Krämpfe schütteln ihn. Er speit Blut. Ein Klistier, sagt er, habe seinen After erfrischt. Und dann hört man auch das Wort Angst. Denn dieser Hypochonder fürchtet sich vor dem Tod. "Ich will nicht sterben" – dies ist der entscheidende Satz. Thalheimer schickt seinen Darsteller Peter Moltzen in eine fast nicht endende horribel groteske Zappel- und Übertreibungs-Nummer. Moltzen spielt sie bis zur Erschöpfung, seiner selbst und des Zuschauers. Irgendwann zieht das Dienstmädchen Toinette (Regine Zimmermann) eine drastisch gefüllte Windel unter ihm hervor.

Schaubühne: Der eingebildete Kranke | Alina Stiegler, Jule Böwe © Katrin Ribbe
Alina Stiegler, Jule Böwe © Katrin Ribbe | Bild: Katrin Ribbe

Einerseits setzt Thalheimer auf das Todes-und Angst-Motiv. Das Programmheft ist reich mit entsprechenden Gryphius-Gedichten und Artaud-Texten gefüllt. "Wer hat nicht im Innersten gewisser Ängste, am Grunde mancher Träume den Tod als eine erregende und wunderbare Empfindung erlebt" heißt es da. Tatsächlich kann man am Ende – und Thalheimer ist kein Regisseur, der es mit den originalen Stückschlüssen immer so genau nimmt – glauben, der arme todesängstliche Argan sei zu guter Letzt wirklich gestorben.

Béralde, der seinen Bruder Argan zur Vernunft bringen will, ist weiß bandagiert und amputiert, eine leibhaftige böcklinsche Todesgestalt, mal fistelnd, mal bramarbasierend. Aber so viel Melancholie und Weltschmerz nimmt man Thalheimer nicht ab. Denn er schickt sein Ensemble in eine Schaubuden-Farce. Die Leute sprechen, als hätten sie mit Brennspiritus gegurgelt. Sie scheinen sich kostümlich im Fundus bedient zu haben, vielleicht haben sie zwischendurch auch noch mit Vivienne Westwood telefoniert.

Béline, die Frau des Kranken, markiert ihre eheliche Liebe nur, um an die Knete zu kommen, und dabei präsentiert sie allzeit ihren baren Busen. Man könnte fürchten, Jule Böwe würde sich nun wirklich ernstlich erkälten. Dann hätte man zwei Patienten. Die berühmte Szene, in der Argan nun wirklich den Toten spielt, verpufft völlig.

Schräg und satirisch?

Thalheimer nimmt das Stück - als Komödie - nicht wirklich ernst. Er will ihm einen eigenen makabren Ernst überstülpen. Er unterzieht es einer groben grellen Rosskur. Alle Figuren leiden automatenhaft an einem Zuckel-Zwang. Sie schneiden Fratzen. Alle wirken sie irgendwie krank oder irre. Das doofe Vater-Sohn-Arzt-Gespann. Der zottelige Liebhaber als Musiklehrer. Das um seine Liebe bangende Töchterchen. Als entsprängen sie einer Jahrmarkts-Monstrositäten-Show. "Ich bin krank – ihr seid alle krank", sagt Argon. Aber keine der Figuren kann persönlichen eigenen Charakter zeigen. Sie alle bleiben überdrehte und letztlich flache Knalltypen. "Tartuffe" war mit verrücktem Witz und komödiantischem Raffinement inszeniert. Auch dieser "eingebildete Kranke" soll toll, schräg und satirisch sein. Das aber gelingt nur auf sehr oberflächliche, fast möchte man sagen: lieblose Art.

Peter Hans Göpfert, kulturradio

Weitere Rezensionen