Maria Walser: What a thought is not © Gerhard F. Ludwig
Gerhard F. Ludwig
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Sophiensæle - Tanztage Berlin 2017 - Eröffnungsabend

Bewertung:

Immer in den ersten Tagen des Neuen Jahres kommt unvorhersehbares Neues auf die Bühnen der Sophiensaele. Die Tanztage Berlin, das Festival für den choreografischen Nachwuchs, haben begonnen.

In den kommenden fast zwei Wochen zeigen junge Tanzkünstler ihre zumeist ersten, ihre frühen Werke. Zur Eröffnung gab es gestern gleich drei Choreografien.

Glasscheiben, Philosophie-Exkurs und filmischer Bilderbogen

Anders als bei ihrer ersten Festivalausgabe 2015 wollte Anna Mülter, die künstlerische Leiterin der Tanztage, nun bei ihrem dritten Festival keine Themen-Setzung vorgeben. Sie hat aus den weit über 100 Bewerbungen die für sie interessantesten Stücke ausgewählt. Und so haben die drei Stücke des Eröffnungsabends kein gemeinsames Thema, folgen aber ähnlichen Ideen. Es geht um Wahrheit und Wahrnehmung, um Konstruktion von Sinn und Realität, um Möglichkeits-Räume und Verschleierungs-Prozesse. Und das als Tanz hinter Glasscheiben oder im kuriosen Philosophie-Exkurs oder als filmischer Bilderbogen mit Szenen urbanen Lebens.

Tarren Johnson & Mira O’Brien: Shade © Mira O’Brien
© Mira O’Brien

Tarren Johnson & Mira O’Brien: "Shade"

Tarren Johnson und Mira O’Brien lassen in "Shade" ihre drei Performer die Bühne des Hochzeitssaals ständig neu gestalten. Die drei stellen die Metallgestelle mit Glasscheiben und Fenster- oder Türrahmen mit oft zersplittertem Glas in immer wieder neuen Konstellationen im Raum um. Das auf der Bühne abgesteckte Spielfeld wird zu einem Labyrinth aus Räumen und Situationen, in denen das Außen und das Innen, das Ein- und das Ausgeschlossene immer wieder neu definiert werden. Kleine intime Räume verwandeln sich in weite und offene und umgekehrt, wobei die Glasscheiben trennend und durchlässig zugleich wirken.

Dabei folgen alle Aktionen nicht durchschaubaren Mustern. Zwar ertönen im Soundtrack, einer Art Feedback-Schleifen-Stimmen-Gewirr immer wieder Anweisungen, aber nach welchen Regeln bleibt ebenso unklar, wie die Regeln der Performer-Reaktionen und die Beziehungen und Bindungen der drei und ihre Motivationen, das eine zu tun und das andere mögliche zu unterlassen. So entsteht ein Prozess des nebulösen Ungefähren, ein Spiel mit unendlichen Möglichkeiten der Welt-Gestaltung und Welt-Erfahrung, mit Spiegelung, Durchlässigkeit, Sichtbarkeit und Nicht-Sichtbarkeit, ein Spiel, dessen gewollte Rätselhaftigkeit jedoch auf Dauer ermüdend ist und in der Selbstbespiegelung einer hübschen Konzept-Idee stecken bleibt.

Maria Walser: What a thought is not © Gerhard F. Ludwig
© Gerhard F. Ludwig | Bild: Gerhard F. Ludwig

Maria Walser: "What a thought is not"

Maria Walser, eine hervorragende junge Berliner Tänzerin hat nun mit "What a thought is not" ihr erstes eigenes Stück präsentiert, eine Auseinandersetzung mit Erkenntnistheorie, Existenz- und Sprachphilosophie.

Maria Walser und ihre Bühnenpartnerin Emma Tricard diskutieren wie im Philosophie-Grundkurs Begriffe wie Realität, Wahrheit, Illusion und Bedeutung – dies allerdings zum Glück wunderbar verspielt. So wackeln und zuckeln sie zu Beginn z.B. auf die Bühne verborgen in großen flauschigen Pinguin-Anzügen und mit Schweins- und Bibermaske auf dem Kopf. Später verkörpert Walser die Wahrheit und Tricard die Illusion und beide balancieren einen Stuhl, dem sie die Funktion des Sinns zugeordnet haben – Wahrheit und Illusion jonglieren also mit dem Sinn.

Ein Philosophie-Seminar inspiriert von Comedy, Slapstick und Absurdem Theater, in Szenen, die passenderweise in einer Wolke aus Kunstnebel enden.  Eine kurios-verspielte und einfallsreiche Ablehnung der Idee, Kunst müsse immer Sinn produzieren, eine nicht allzu sehr in die Tiefe gehende Spielerei, die nur funktioniert, weil beide so hervorragende Performerinnen sind.

Marquet K. Lee: (...) © Luis Alberto Rodriguez
© Luis Alberto Rodriguez

Marquet K. Lee: "(...)"

Marquet K. Lee hat für sein Stück ohne Titel drei sehr hohe und breite Jalousien in den Bühnenraum gehängt. Diese sind Projektionsfläche für Videos und halbdurchsichtiger, zu öffnender und zu schließender Schleiervorhang vor den beiden Tänzerinnen. In den Videos sind Impressionen städtischen Lebens zu sehen: eine Straße bei Tag, erleuchtete Fenster eines Hauses bei Nacht, Blicke in eine Wohnung oder Nahaufnahmen von Mündern, Händen, Köpfen, später von Wald, Baum und See und Schwan.

Lee zeigt eine Art Lebens-Porträt-Kaleidoskop in kleinen Stories, in Impressionen und Atmosphären. Er setzt etwas naiv ein hypernervöses, entfremdetes, von Selbstdarstellungs-Kämpfen geprägtes urbanes Leben gegen ein vermeintlich sanfteres, zufriedeneres Leben in der Natur. Der Tanz ist geprägt von weit in den Raum hinausstrebenden Bewegungen, von Schwingen, Federn und Wenden, von Ungeborgenheit und Haltlosigkeit.

Ein Stück von intensiver Theatralität und eigenwilliger Ästhetik, aber auch voller Bedeutungshuberei, mit überdeutlicher Botschaft und lähmenden Längen in den Wiederholungsschleifen.

Insgesamt also wieder viel unerwartbares Neues von diesmal allerdings wenig überzeugender Qualität beim Eröffnungsabend der nun schon 26. Tanztage Berlin.

Frank Schmid, kulturradio

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