Staatstheater Cottbus/Kammerbühne - Wintersonnenwende © Marlies Kross
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Staatstheater Cottbus/Kammerbühne - "Wintersonnenwende"

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Katka Schroth inszeniert "Wintersonnenwende" von Roland Schimmelpfennig. Eine Kritik von Frank Dietschreit.

Roland Schimmelpfennig, 1967 in Göttingen geboren, ist ein viel beschäftigter Autor, Dramaturg und Regisseur. Seine Stücke, die er auch oft und gern selbst inszeniert, sind Dauergast auf den großen Bühnen in Wien und Berlin, München und Mannheim, Zürich und Salzburg. Kürzlich hat er auch seinen ersten Roman veröffentlicht, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war: "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts". In der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus hatte am Wochenende Schimmelpfennigs "Wintersonnenwende" Premiere. 

Rosenkriege und Kunst-Schlachten

Das vom Cottbusser Spielzeit-Motto lautet "Glauben! Lieben! Hoffen!". Schimmelpfennigs "Wintersonnenwende" ist dialektische Anti-These zu diesem poetisch-theologischen Dreiklang. Denn glauben, lieben, hoffen, das liegt den auf der Bühne versammelten Zeitgeist-Mutanten völlig fern. Jeder Glaube an Gott, an einen Sinn oder an die Vernunft ist ihnen abhandengekommen, sie glauben nur noch an sich selbst, sie lieben auch niemanden mehr, außer sich selbst: es sind Abziehbilder der egozentrischen Ich-Gesellschaft. Und weil sie ständig nur mit sich selbst beschäftigt sind und in einem Zustand der desillusionierten Dauerkrise leben, ist ihnen auch jede Hoffnung auf Veränderung, jedes Sensorium für neue Gefahren abhandengekommen.

So merken sie auch gar nicht, dass aus der verbiesterten Zimmerschlacht, die sie sich da - in Anlehnung an "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" liefern, allmählich ein Kampf gegen die Versuchung durch das diabolische Böse wird; denn mit dem seltsamen Fremden, der da unerwartet in ihre Rosenkriege und Kunst-Schlachten hineinplatzt, gesellt sich ein "Brandstifter" zu den "Biedermännern", die einfach nicht wahrhaben wollen, dass unter ihnen jetzt ein Mann weilt, der kunstsinniger Klavierspieler und zugleich ein mörderischer Arzt und gefährlicher Rassist ist.

Staatstheater Cottbus/Kammerbühne - Wintersonnenwende © Marlies Kross
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Hausherr ist Albert, ein Wissenschaftler und Schriftsteller und zugleich eingebildeter Kranker und ekelhafter Menschenfeind; seine Frau Bettina ist eine notorische Zicke mit Kunst-Ambitionen und dreht Filme, die keine sehen will; Konrad ist der ständig ein und ausgehende Hausfreund, ein erfolgloser Maler ohne Ideen, der sich - ebenfalls erfolglos - nach Bettina sehnt; Corinna ist die verschrobene Mutter von Bettina, die unaufhörlich greint und meckert und allen auf die Nerven geht und eine Zufallsbekanntschaft einlädt, mit ihnen Weihnachten zu feiern, doch Rudolph, dieser geheimnisvolle Fremde, möchte lieber nach alt-germanischer und von alten und neuen Nazis wiederbelebter Sitte die "Wintersonnenwende" begehen. Das ist nicht das einzige Mal, das sich der Arzt, der der Sohn von Nazi-Verbrecher Mengele sein könnte, er sich als Rassist und Antisemit outet, er wird auch eine Lobeshymne auf die Blut-und-Boden-Mythologie singen und den Hausherrn als "Judensau" beschimpfen: aber niemand will es hören geschweige denn etwas gegen diesen gefährlichen Widerling unternehmen. 

Hysterische Dialoge

Regisseurin Katka Schroth lässt dies Melange aus auswegloser Familienhölle und vergeblicher Teufelsaustreibung als überdrehte Farce und überkandidelte Groteske spielen, sie versetzt die Schauspieler in einen Zustand der überhitzten Dauererregung: jedes Wort, jede Geste, jede Bewegung ist schrill, laut, verzerrt, jede Macke und jede Marotte wird in eine Endlosschleife eingesperrt: wenn jemand bei einem Wort ins Stottern kommt, muss er minutenlang weiter stottern; wenn jemand einen Schluckauf bekommt, muss er minutenlang weiter hicksen; wenn jemand einen Witz reißt, muss er den so oft wiederholen, bis er zu Wortbrei wird und jeden Sinn verliert.

Immer wieder müssen die Darsteller ihr hysterischen Dialoge, ihre Eheschlachten und Kunst-Debatten unterbrechen und zu einem eilig eingespielten Lied singen und tanzen. Vor allem müssen sie - das hat Schimmelpfennig so vorgesehen und daran hält sich die Regisseurin leider - alle Regie-Anweisungen und dramaturgischen Anmerkungen aufsagen und mitspielen. Denn das Stück will nichts weniger sein als eine Art Meta-Theater, eine postdramatische Versuchsanordnung, bei der die Personen permanent über sich nachdenken und uns ihre Gefühle und Absichten mitteilen, statt sie schauspielerisch zu bewahrheiten; es wird ständig zeitlich hin und her gespult, erzählt, wer was macht und wohin geht: aber gezeigt und beglaubigt wird es nicht.

Staatstheater Cottbus/Kammerbühne - Wintersonnenwende © Marlies Kross
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Ärgerlich, Überflüssig

Bühnenbildner Cary Gayler hat aus Sperrholz ein Theatergefängnis gebaut, eine Mischung aus Vorlesesaal und anatomischem Theater, das Publikum sitzt tribünenartig um die kleine Spielfläche herum, ist ganz nah dran, wenn die permanent anwesenden Darsteller ihre Befindlichkeiten sezieren, sich an die Wäsche gehen, sich ankeifen, herumalbern, aus ihrer Rolle treten und über sich nachdenken und trotzdem nicht merken, wie der fremde Gast sie langsam in seine Gedankenwelt hineinzieht, sie dazu bringt, ihre Grundüberzeugungen aufzugeben und ihre Kunstwerke, weil sie keiner angeblich gesunden, völkischen Idee folgen, zu zerstören.

Das Publikum reagiert auf Stück und Inszenierung sehr gemischt, die eine Hälfte kichert über jede noch so öde Slapsticknummer und amüsiert sich wie Bolle; die andere Hälfte versinkt in ihren Sesseln und bekommt versteinerte Gesichter und würde am liebsten dieser Theater-Zumutung entfliehen: aber das geht nicht, um ins rettende Freie zu kommen, müsste man über die Spielfläche und an den Schauspielern vorbei stolpern und den Mut haben, sich hämischen Blicken und Kommentaren auszusetzen. Das Stück ist eine postdramatische Totgeburt, die Inszenierung eine nervtötend schrille Blödelei: die Schauspieler können einem leidtun, sie dürfen nicht spielen, sondern nur herumzappeln, sie dürfen nicht sprechen, sondern nur schreien. Die Neurosen der Moderne und die Abgründe des Bösen werden auf unerträgliche Weise banalisiert. Ein ärgerlicher und vollkommen überflüssiger Abend.

Frank Dietschreit, kulturradio

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