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Akademie der Künste | Pariser Platz - "Valeska's Blind Date"

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Aktionistisches Happening in ewiger Verwandlung – Meg Stuart erinnert an Valeska Gert.

Die Wahlberlinerin Meg Stuart, eine der bedeutendsten Choreografinnen Berlins und weit darüber hinaus, war in den letzten Monaten Valeska-Gert-Gastprofessorin und hat sich in einem Projekt mit Studierenden der Tanzwissenschaft der Freien Universität Berlin der berühmten Berliner Tänzerin, Schauspielerin und Kabarettistin Valeska Gert gewidmet. Gestern war das Ergebnis dieser Zusammenarbeit in der Akademie der Künste zu sehen.

Aus den Ideen und Improvisationen der Studierenden hat Meg Stuart ein aktionistisches Happening entwickelt, aufgeführt im völlig überfüllten Clubraum der Akademie der Künste am Pariser Platz. In der kühlen Glas-Beton-Halle war eine fiebrige, wild wuchernde Performance zu erleben. Eine Annäherung an Valeska Gert, an eine Künstlerin, die sich bis heute allen Definitionsversuchen entzieht.

In Berlin geboren, seit den Zwanzigerjahren bis zu ihrem Tod 1978 Avantgarde, jenseits von Expressionismus und Ausdruckstanz. Eine Künstlerin, die damals schon trans-disziplinär gearbeitet hat, die in ihren Grotesktänzen, Pantomimen und Geräuschliedern Tanz, Theater, Musik und Film vereint hat. Die von den Nazis vertrieben, erst in New York und nach dem Krieg auch in Zürich, Berlin und auf Sylt Nacht- und Kabarettlokale eröffnet hat. Die Performances gestaltet hat, als es Idee und Begriff noch gar nicht gab.

"Real ist nur die ewige Verwandlung" war ein Motto von Valeska Gert, das auch diese Meg-Stuart-Performance passend beschreibt.

Wie relevant ist Valeska Gerts Kunst heute

Meg Stuart, seit Jahrzehnten Maßstäbe setzende Choreografin, arbeitet regelmäßig mit den besten Performern zusammen. In diesem Projekt hat sie alles herausgeholt, was aus Studierenden der Tanzwissenschaft, die sich mit vollem Herzen hingeben, herauszuholen ist.

Die Ausgangsfrage für Meg Stuarts Valeska-Gert-Gastprofessur und diese Abschluss-Präsentation war, wie relevant Valeska Gert für die jungen Studierenden heute ist – sowohl in Bezug auf ihre Arbeit als werdende Tanzwissenschaftler als auch für ihr privates Leben.

Antworten scheinen sie in Valeska Gerts absolutem Freiheitsstreben, im Unangepassten und Brechen von Regelwerk gefunden zu haben. Und so stürzen sie sich leidenschaftlich in diese Performance, mit Mimik, Gestik, Körper, Sprache und Gesang.

Anekdoten, Geräuschlied, expressiver Tanz, Modenschau

Alles beginnt mit Anekdoten, Stories und Episoden aus dem auch skandalumwitterten Leben von Valeska Gert, hektisch übersprudelnd, bewundernd und ironisch Distanz wahrend erzählt.

Es beginnt mit einer Valeska-Gert-Geräuschlied-Adaption aus Murmeln, Jaulen, Quäken, Seufzen und Stöhnen. Dann ergießt sich die Performance mäandernd in den Raum. Die Studierenden wuseln wie Irrwische durch die Zuschauer, erobern Freiräume in der dicht gedrängten Masse. Versuchen expressive Tänze, inmitten der Zuschauer, auf dem Bartresen, auf der Terrasse, inszenieren eine Modenschau mit bunten Stoffen, Tüchern, Decken über der schwarzen Kleidung.

Am Ende finden sie in einer zuckenden Leibermasse zusammen, einer vermeintlich unterschiedslosen utopischen Gemeinschaft, die jedoch keinen Bestand hat, die sich langsam auflöst in Stille und Leere und die einen verlassenen, verwaisten Leerraum hinterlässt, ein Ende in einem Nichts.

Freiheitsräume bei Valeska Gert und Meg Stuart

Meg Stuart ist neben allem andern auch eine Spezialistin der unausgesetzten Suche nach Freiheits- und Möglichkeitsräumen. Anfangen, Abbrechen, Neuanfangen, das radikale Infragestellen des bislang Gefundenen ist eines ihrer seit Anfang der Neunzigerjahre wiederkehrenden Themen.

Das kann schonungslos sein und schmerzgeplagt aussehen, wenn sie sich selbst und ihre Performer an die Abgründe, die Ränder der Existenzfähigkeit treibt. Und hier ist eine Wahlverwandtschaft zu Valeska Gert zu finden, zu den Pantomimen und Grotesktänzen mit den überzeichneten Figuren und Charakteren, dem asymmetrisch auseinanderstrebenden Körper, der extremen Expressivität der Tänze, ihrer immer auch sozialkritisch, politisch motivierten Auseinandersetzung mit der Gegenwart und v.a. zu ihrer Ablehnung des Angesagten, des Erfolgreichen, des Kanons vermeintlich bedeutsamer Kunst.

Es ist ein Glück, dass die Akademie der Künste, die Freie Universität Berlin und der Deutsche Akademische Austauschdienst seit 2006 mit der Valeska-Gert-Gastprofessur an sie erinnern und ihr künstlerisches Erbe durch die Einladung von Choreografinnen und Choreografen der Gegenwart aktuell halten und befragen lassen.

Hommage, Erinnerung und Aufforderung

Diese Abschluss-Performance von Meg-Stuarts Valeska-Gert-Gastprofessur ist durchaus eine Hommage an Valeska Gert. Ein aus Gegenwarts-Perspektive kritisch verehrender und fragender Blick. Zum ersten Mal stand die Person Valeska Gert im Mittelpunkt einer solchen Gast-Professur-Abschluss-Performance und dies war eine richtige Entscheidung.

Auch wenn den jungen Tanzwissenschaftlern als mutigen Grenzgängern die Performer-Qualitäten fehlen, war das ein Eintauchen in den Kosmos der Valeska Gert, eine Annäherung, die weit über eine Tanzerbe-Rekonstruktion hinausgeht. Eine Erinnerung an eine Künstlerin, die visionär und nonkonformistisch war und die auch heute maßgeblich sein sollte, v.a. in der schonungslos kritischen Auseinandersetzung mit den Realitäten ihrer Zeit.

Davon könnten wir heute in der Darstellenden Kunst mehr gebrauchen und Meg Stuart hat gemeinsam mit ihren Studierenden sehr angemessen und subtil auffordernd an die ungestüme Kraft und die künstlerische Weitsicht von Valeska Gert erinnert.

Frank Schmid, kulturradio

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