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Wühlmäuse Berlin - Bruno Jonas: "Nur mal angenommen…"

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Seit Jahrzehnten ist Bruno Jonas einer der führenden Kabarettisten. Wenn er sich jetzt mit seinem neuen Soloprogramm "Nur mal angenommen…" in den Berliner Wühlmäusen präsentiert, garantiert das in gewohnter Manier ein Feuerwerk aus hintergründigen politischen Pointen.

Allein der Titel ist mehrdeutig zu verstehen: Er bezieht sich auf ein Gedicht über den Konjunktik, das Bruno Jonas als erste Zugabe vorträgt, aber gleichermaßen auf die Rahmenhandlung des Programms – die Bühne ist vollgestellt mit Paketen, die er für seine Mitbewohner, die tagsüber nicht zu Hause sind, "nur mal angenommen" hat.

In erster Linie ist das jedoch die Überschrift für die politische Unsicherheit auf der Welt. Wo man hinschaut, ist es brenzlig, ob in Europa, den USA, der arabischen Welt oder Russland. Wie es da weitergehen könnte – darüber kann man wirklich nur spekulieren.

It’s over now

Bruno Jonas präsentiert einen politischen Rundumschlag in bester bewährter klassischer Kabarettistenmanier. Weit über zweieinhalb Stunden denkt er über Gott und die Welt nach. Das reicht von der Gender-Debatte über die Reaktion des türkischen Präsidenten auf das Böhmermann-Schmähgedicht bis hin zur digitalen Revolution.

Er erzählt in schöner Ironie, dass Samsung versucht habe, in sein Smartphone Galaxy Note 7 ein Feuerzeug zu integrieren. Oder dass die iWatch die Herztöne misst und kurz vor dem Herzinfarkt noch die Meldung "It's over now" anzeigt. Auch das Thema Sprache nimmt breiten Raum ein: Was ist gewonnen, wenn man aus dem Sprachschatz Wörter tilgt, weil sie als diskriminierend verstanden werden können? Hat man damit schon die Diskriminierung aus der Welt geschafft oder macht man es sich zu einfach?

Der Kanzlerkandidat

Dabei ist Bruno Jonas gewohnt aktuell. Die Bundespräsidentenwahl kommentiert er mit dem Satz "Man bestimmt einen, bestellt für ihn die Mehrheit, und dann passt's." Und er musste aktalisieren: Findet sich im Pressetext zu seinem Programm noch der Hinweis, die SPD nehme an, Volkspartei zu bleiben, selbst wenn sie an der 5%-Hürde scheitern sollte, hat ihn da die Realität eingeholt mit der Kür von Martin Schulz zum SPD-Kanzlerkandidaten, was die Umfrageergebnis gerade in die entgegengesetzte Richtung treibt.

Und so nimmt er sich den Kanzlerkandidaten vor und hinterfragt das, was dieser aktuell gesagt hat, etwa zur Deckelung der Managergehälter oder ganz aktuell zu Diskussionen über Korrekturen an der Agenda 2010.

Die Demokratie, Platon und der unvollkommene Mensch

Seinem Prinzip bleibt Bruno Jonas auch in seinem neuen Programm treu: Oft nimmt er sich ein Überthema, arbeitet sich von vielen Seiten daran ab, und immer wenn man denkt, die abschließende Pointe sei erreicht, ist diese nur wieder Ausgangspunkt zu neuen, weiterführenden Überlegungen. Beispiel: Wie kommt es, dass gerade jetzt so viele nationalistische Richtungen im Aufwind sind? In Frankreich, den Niederlanden, Polen, den USA oder hierzulande mit der AfD.

Das Thema Demokratie wird gestreift, es geht um das hiesige Wahlrecht, speziell darum, dass die Hälfte der Mandate nicht an einzeln wählbare Kandidaten geht, sondern über Listen gewählt wird. Jonas dazu: "Das begünstigt die Looser und Kuscher." Über Sokrates, Platon und Kant kommt er dann auf den unvollkommenen Menschen, und der letzte Satz des Programms lautet: "Der gescheite Depp meint, er sei klüger, und das ist die eigentliche Tragödie."

Schlitzohrige Satire mit Zwang zum Mitdenken

Es wird viel gelacht an diesem Abend. Dabei bewegen sich die Pointen auf durchaus unterschiedlichem Niveau, so dass für jeden etwas dabei ist. Schenkelklopfer wie "Wenn Gauck sagen würde, die Vernunft gehört zu Deutschland, würde  Seehofer eine Obergrenze fordern" stehen Bildungspointen – Bruno Jonas spricht lieber von "Klugscheißerei" – entgegen, etwa wenn er das Höhlengleichnis des Platon als "erste Power-Point-Präsentation des Abendlandes" bezeichnet.

Daneben wird es jedoch auch ernsthaft, wenn Bruno Jonas erläutert, wie – Stichwort Rente – jahrzehntelang keine ernsthaften Versuche unternommen worden seien, die Altersarmut zu bekämpfen. Oder Kreigseinsätze, die politikerseits wohlklingend als "internationales Engagement" oder "Verantwortung" tituliert werden. Und ironisch geht es zu, wenn der Kabarettist die Frage stellt, was wäre, wenn die USA ihren Status als sicheres Herkunftsland verlieren würden.

Es geht durch die Untiefen von Politik, Gesellschaft und Philosophie. Bruno Jonas erweist sich wieder einmal als schlitzohriger Satiriker, der beim Publikum Wissen und Mitdenken voraussetzt. Wer nicht genau aufpasst, lacht zu früh oder an den falschen Stellen.

Andreas Göbel, kulturradio

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