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Deutsches Theater - "Gespenster"

Bewertung:

Sebastian Hartmann schafft es, dass man den Rätseln und Abgründen seiner Gespenster gespannt folgt: Man denkt und fühlt mit, und man geht verwirrter und mit mehr Fragen aus diesem Abend heraus, als man hineingegangen ist – das ist ein gutes Zeichen.

Seitdem Sebastian Hartmann nicht mehr Intendant in Leipzig ist, inszeniert er unter anderem am Deutschen Theater in Berlin. Mit seiner bildgewaltigen "Alexanderplatz"-Inszenierung hat er dort zuletzt von sich reden gemacht. "Theater mit Wumms" hieß es darüber im Presse-Echo. Nun hatte seine neue Arbeit am DT Premiere: "Gespenster" heißt sie – ein Abend, nicht nur nach dem gleichnamigen Stück von Henrik Ibsen, sondern auch nach Texten von August Strindberg und Heinrich Heine.

Beliebige Text-Auswahl

Drei Autoren, die kaum in einen Abend passen – doch Hartmann versucht, sie passend zu machen. Für ihn, wie für viele Regisseure heutzutage, stehen nicht die Texte im Zentrum, sondern das, was ihn selbst daran interessiert. Aus einzelnen Szenen baut er eine Collage, er "sampelt" sein eigenes Stück.

Die Stoffauswahl ist hier alles andere als zwingend. August Strindberg und Henrik Ibsen sind immerhin beide Skandinavier und Naturalisten, wenn auch ganz verschiedene. Sie verhandeln in den Texten, die Hartmann inszeniert (Ibsen in den "Gespenstern" und Strindberg in "Der Vater") ähnliche Fragen nach Schicksal, Schuld, nach Vererbung und Verantwortung im Familienleben. Was jedoch Heinrich Heines Gedicht "Deutschland – Ein Wintermärchen" damit zu tun hat, der dritte Text des Abends, ist kaum einleuchtend zu beantworten. Heine schreibt darin sehr politisch, gallig, satirisch aber auch sehr geschmerzt aus dem französischen Exil über Deutschland, über sein Heimweh nach diesem kaputten, dunklen, torfigen Land.

Ganz weit gefasst könnte man sagen: Alle drei Texte handeln von den Gespenstern der Vergangenheit. Dazu zählen aber selbstverständlich noch Hunderte anderer Dramen und Gedichte – die Auswahl ist und bleibt beliebig und wächst an diesem Abend nicht zu einem Stück zusammen.

Einzelne Schlüsselszenen

Hartmann greift einzelne Schlüsselszenen aus den Texten heraus. Sowohl in Ibsens "Gespenstern" als auch in Strindbergs "Der Vater" stürzt eine Familie in den Abgrund. Bei Ibsen leidet der Sohn an einer unheilbaren Erbkrankheit, weil sein verstorbener Vater ein so ausschweifendes Leben geführt hat, wie es im Stück heißt. Bei Strindberg wird der Vater irrsinnig, weil er nicht hundertprozentig sicher sein kann, dass seine Tochter sein leibliches Kind ist. Der Regisseur erzählt nichts chronologisch, er lässt immer nur wichtige Szenen anspielen und wiederholen. Und trotzdem wird deutlich, dass ihn die Psychologie dieser Figuren und ihre Motive interessieren: Die Kinder als mächtige Waffe in den Händen der Eltern – aber auch als Mittel gegen die Vergänglichkeit; die Ehehölle, in der die Eltern sich befinden; die Liebe, die in Hass umgeschlagen ist; die Machtkämpfe, die hier bis zum Tod ausgetragen werden.

Aufwändiges, atmosphärisches Bildertheater

Hartmann inszeniert auch hier wieder "Theater mit Wumms": aufwändiges, atmosphärisches Bildertheater, das von einem ganz eigenen Rhythmus getragen wird.

Die Schauspielerin Linda Pöppel singt die Heine-Gedichte zur wummernden, wimmernden E-Gitarre der beiden Live-Musiker – eine eindrückliche Vertonung dieser dichten, großen Texte. Die Bühne selbst ist gleißend weiß beleuchtet oder rabenschwarz gehalten, darauf eine drehbare Rampe, gemalte schwarz-weiß Projektionen von düsteren Häusern des 19. Jahrhunderts, auf die der Regen fällt. Die Figuren huschen zwischen diesen Spukhäusern in schwarzen Reifröcken, historischen Anzügen und Zylindern selbst wie Gespenster umher – zum Glück ohne wie im Gruselcomic zu wirken.

Großes, expressionistisches Schauspielertheater

Obwohl sich keine stringente Geschichte entwickelt, sondern eher Motive aufgegriffen und vorangetrieben werden, inszeniert Hartmann großes, manchmal übergroßes, expressionistisches Schauspielertheater. Katrin Wichmann und Felix Goeser spielen eine bedrückende Szene, wenn sie sich darüber zerfleischen, wer das Recht auf die Erziehung der Tochter hat. Goeser, ein Schrank von einem Mann, bricht da rasend und weinend zusammen und Wichmann lässt seine groben Zärtlichkeiten über sich ergehen. Auch Almut Zilcher ist beeindruckend als Mutter, deren Verstand vom Gespenst der Demenz umnachtet wird. Alle auf der Bühne sind Menschen – und gleichzeitig Gespenster, Über-Ichs, innere Stimmen, Albträume, Vorurteile, Wiedergänger.

Kein runder Abend

Als "gelungen" kann man diese Arbeit trotzdem nicht beschreiben. Es ist kein runder Abend, nichts geht hier auf. Die Inszenierung franst aus, mäandert in verschiedene Richtungen, dreht Schleifen und lässt den Zuschauer, der versucht, der Geschichte zu folgen, zu oft im Regen stehen. Und doch schafft es Hartmann, dass man den Rätseln und Abgründen dieser Gespenster gespannt folgt, dass man immer wieder die Fäden aufnimmt. Man denkt und fühlt mit, und man geht verwirrter und mit mehr Fragen aus diesem Abend heraus, als man hineingegangen ist – das ist ein gutes Zeichen.

Barbara Behrendt, kulturradio

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