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Deutsches Theater | Kammerspiele - "Wut"

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Die Stücke von Elfriede Jelinek haben oft ein Thema: Wut. Ihr neues Stück, das im April 2016 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde, heißt genau so. Ein Protokoll der Überforderung.

Sie hat es nach den Anschlägen auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Paris geschrieben. Sie fragt danach, woher die Wut und der Hass kommen, die sich durch die Jahrhunderte ziehen, von griechischen Mythen bis zu den islamistischen Terroranschlägen unserer Tage. Nun hat der junge Regisseur Martin Laberenz es in den Kammerspielen des Deutschen Theaters inszeniert.

Aus der Textfläche macht er keine stringente Geschichte. Er greift einzelne Motive heraus und übersetzt sie in Bilder. Und er stellt die eigene Ratlosigkeit aus, angesichts dieses schwer verständlichen Textes und angesichts der Nachrichtenereignisse. Daraus entstehen auf der Bühne temporeiche Szenen mit viel Witz und Spielfreude.

Von Ordnung ins Chaos

Die Inszenierung macht eine Entwicklung durch: von der Ordnung ins Chaos, von der Zivilisation ins Archaische. Die fünf Schauspieler – drei Frauen, zwei Männer – treten am Anfang in schicker Abendgarderobe auf. Vom Terror sprechen sie nur distanziert.

Am Ende, nach zweieinhalb Stunden ohne Pause, tragen sie religiöse Gewänder und haben sich die Wut zu Eigen gemacht. Die Bühne ist verwüstet, alle sind erschöpft – Teile des Publikums eingeschlossen.

"Wut" ist ein ungewöhnlich ernstes Stück für Elfriede Jelinek. Die für Jelinek typischen Kalauer gibt nur selten. Das Grundgefühl ist Ohnmacht. Andererseits ist es ein typisches Stück der österreichischen Nobelpreisträgerin: eine Textfläche ohne Figuren, die sich als uferloser Wortschwall ergießt und kuriose Abzweigungen nimmt, denen man nicht immer inhaltlich folgen kann.

Es ist ein wütender Stimmenchor: Die Autorin ist wütend angesichts der Anschläge und der eigenen Hilflosigkeit. Die Attentäter sind wütend und hasserfüllt. Und dann gibt es noch die Wutbürger von Pegida und der AfD.

Von griechischer Mythologie zu moderner Mediengesellschaft

Jelinek unternimmt einen frei assoziierten Rundumschlag durch die Weltgeschichte: von der griechischen Mythologie (in der Herakles seine eigene Familie aus Wut tötet) über die Bibel (mit der Kreuzigung von Jesus Christus). bis in unsere Mediengesellschaft; in der quasi live vor der Kamera gemordet wird.

Vom Originaltext ist etwa die Hälfte übriggeblieben. Das reicht auch völlig, angesichts der Redundanzen. Der Text ist geschickt gekürzt; oft innerhalb der Sätze. So wird er etwas verständlicher und klarer, ohne das Stimmengewirr zu verlieren. Ein Jelinek-Text ist ja wie ein Dschungel, durch den man sich als Regisseur ein Schneise schlagen muss. Und das tut Martin Laberenz entschieden.

Wie inszeniert sich der Wütende?

Es geht darum, wie man sich in seiner Wut inszeniert. Das ist – neben dem Rechtspopulismus – eines der Themen, auf das Laberenz sich konzentriert. Der Attentäter im jüdischen Supermarkt in Paris hatte seine Tat gefilmt. Die Schauspieler imitieren das, in dem sie sich selbst filmen. Es werden reichlich Theatereffekte aufgefahren: der Samtvorhang wird auf- und zugezogen, es gibt Gegenlicht, Nebel, laute Musik.

Die Schauspieler unterbrechen sich immer wieder und machen ihr Spiel zum Thema. Andreas Döhler beschwert sich darüber, dass sie nur aus Plastikgläsern trinken. Und keinen Champagner, wie Flaschen vermuten lassen, sondern Wasser. Aus dieser Lappalie macht er einen filmreifen Wutausbruch. Die Botschaft ist klar: Wut braucht keinen triftigen Grund.

Andreas Döhler als Körpervirtuose

Allein um dem virtuosen Andreas Döhler zuzugucken, lohnt sich der Abend. Er macht große Körperartistik. Mal imitiert er Chaplins „großen Diktator“. Mal tritt er als sächselnder Pegida-Redner auf. Mal tanzt er selbstversunken zur Electro-Musik.

Es ist ein toller Schauspielerabend. Sebastian Grünewald gibt einen detailversessenen Waffennarr. Sabine Waibel hat eine sehr komische Szene als Elfriede Jelinek. Dass die Autorin selbst auftritt – inklusive Perücke – darf ja in kaum einer Inszenierung fehlen.

Anja Schneider ist sehr stark, mit ganz präzisem Sprechen und überraschenden Brüchen. Und auch die erst 24-jährige Linn Reusse, die oft den Part des Attentäters übernimmt, macht das gut. Anja Schneider und Linn Reuse sind seit dieser Spielzeit neu am Deutschen Theater; beide sind ein Gewinn fürs Ensemble.

Volksbühnentrash

Im zweiten Teil des Abends entsteht ein Crescendo. Die Musiker, die sich "Bernhardt." nennen und links und rechts am Bühnenrand stehen, drehen Keyboard, Synthesizer und elektronisches Schlagzeug auf.

Die elektronische Musik voller Störgeräusche schwillt an, bis der Text untergeht. Dazu werden Szenen aus Abu Graib und von Jesus' Kreuzigung nachgestellt. Da wird es trashig in Volksbühnenmanier.

Protokoll der Überforderung

"Wut" wird derzeit an vielen deutschsprachigen Theatern gespielt. Das liegt wohl auch am Thema. Elfriede Jelinek hat schon bessere Stücke geschrieben, etwa "Die Schutzbefohlenen" zur Flüchtlingskrise.

Aber selbst ein mittelgutes Jelinek-Stück wie dieses trifft immer noch einen Nerv. Das Dauerrauschen in ihren Texten imitiert die Nachrichtenflut, der man täglich ausgesetzt ist. Das scheint für die drängenden Themen unserer Zeit eine geeignetere Form zu sein als ein psychologisches Theaterstück. Und es inspiriert Regisseure.

Die Inszenierung entdeckt im Stück mehr Witz, als man für möglich gehalten hätte. Antworten findet diese Inszenierung nicht. Aber sie ist ein sehr unterhaltsames Protokoll der eigenen Überforderung.

Mounia Meiborg, kulturradio

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