Radialsystem V; Foto: Sebastian Bolesch
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Radialsystem V - "Die Welt nach Tiepolo - Amerika"

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Barocke Visionen und zeitgenössische Musik - zwei Welten, möchte man meinen, die zunächst nichts miteinander zu tun haben scheinen. Doch das Berliner Radialsystem V, bekannt als Ort für experimentelle Konzerte, möchte diese Welten zusammenbringen.

Vier Konzerte, in denen "Welt nach Tiepolo" in Klang gesetzt wird, hat man für dieses Jahr geplant und das erste hat am vergangenen Samstag stattgefunden. Drei weitere folgen noch, im April, Juni und September. Claus Fischer war am Samstag für uns beim Auftakt dabei.

Giovanni Battista Tiepolo

Der Barockmaler Giovanni Battista Tiepolo, der aus Venedig stammte hat wunderbare Bildwerke geschaffen, die unglaublich eindrücklich sind. Er hat auch für seine Zeit sehr ungewöhnliche Farben verwendet, z.B. violett oder silbergrau. Und Tiepolo hat eines der größten Kunstwerke des Abendlandes geschaffen, nämlich das Deckengemälde im Treppenhaus der Würzburger Residenz. Das hat zum Glück den zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden. Und so können wir heute noch genau studieren, welches Weltbild im wahrsten Wortsinn Tiepolo entworfen hat. Es war ja die Zeit nach den großen Entdeckungen der Seefahrer. Und Tiepolo malt die vier damals bekannten Kontinente: Europa, Asien, Afrika und Amerika als Frauen, als weibliche Allegorien mit zahlreichen ikonographischen Beigaben.

Hugues Dufourt

Der französische Komponist Hugues Dufourt, Jahrgang 1943, hat sich von Tiepolo zu einem Zyklus von vier Kompositionen zu den vier Kontinenten auf dem Deckengemälde anregen lassen. Diese Werke wurden im vergangenen Jahr vom ensemble recherche in Witten uraufgeführt, es war ein Kompositionsauftrag des WDR. Und das Berliner Ensemble KNM wird diese vier Werke jetzt in eben vier Konzerten im Berliner Radialsystem zum zweiten Mal aufführen, das erste "Amerika" war am Samstag zu hören.

Spektralmusik

Hugues Dufourt ist Schüler von Olivier Messiaen und einer der Väter der sogenannten  "Musique Spectrale", der Spektralmusik. Diesen Komponisten geht es kurz gesagt nicht darum, Töne irgendwie zu gruppieren und dadurch Klänge entstehen zu lassen. Dufourt interessiert vielmehr das Obertonspektrum eines Tones - und darin das Schwankende, das Brüchige - das, was die Ohren eher unangenehm reizt, nicht die klaren Teile. Das gibt es Ähnlichkeiten in der Kompositionstechnik mit dem deutschen Komponisten Helmut Lachenmann. Hugues Dufourt fügt diese Obertonspektren aber wieder neu zusammen -  und das klingt dann doch anders wie bei Lachenmann. Bei ihm entstehen nämlich keine kratzigen Klänge, die chaotisch wirken, sondern lange, dunkle Akkorde, Klangblöcke sozusagen, und daraus baut er dann seine Kompositionen, wie eine Klangmauer. Der Hörer schreitet mit den Ohren Stein für Stein ab, er wird, so sag, nicht verwirrt, sondern es ergibt sich ein "mühsames Voranschreiten" durch Akkorde.

"Amerika"

Dufourts "Amerika" ist also keine "schöne neue Welt", und damit wird er in jedem Fall Tiepolos Weltsicht gerecht. Denn auch der Barockmaler sah den Menschen in seinem geschäftigen Treiben eher negativ. Es gibt in seinem Würzburger Gemälde viele dunkle Stellen, zwielichtige Eindrücke. Und die reizen Hugues Dufourt besonders. Auch er hat eine pessimistische Weltsicht, und die, so sagte er einmal, sieht er verstärkt durch die gegenwärtigen Zeitumstände. Das war übrigens noch vor der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, ich glaube, jetzt ist er noch pessimistischer. "Amerika" aus seinem Tiepolo-Zyklus ist ein sehr melancholisch-düsteres Klanggebilde. Und das Ensemble KNM Berlin hat es sehr eindrücklich präsentiert. Diese Musik steht "auf der Grenze", auch in puncto Besetzung, Sue schwankt zwischen Ensembleklang und orchestralem Klang -  und auch das kam sehr gut rüber.

"Amerika" von Hugues Dufourt stand im Zentrum des Programms am Samstag im Radialsystem V, aber es gab noch andere Höreindrücke. Gelungene dramaturgische Idee war, das Werk mit Musik des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart aus Mexiko (!) zu kombinieren.

Das war vom Radialsystem auch schon länger geplant, als Donald Trumps Mauerpläne bei uns noch längst nicht so bekannt waren. Da hat sich Vielen der überwiegend jungen Zuhörerinnen und Zuhörer ein neuer Horizont erschlossen. Julián Carillo gilt als Vater der modernen mexikanischen Musik, aber bei uns hört man so gut wie nie etwas von ihm im Konzertsaal. Er hat mit Vierteltönen und Sechzehnteltönen gearbeitet, die man eher aus der traditionellen arabischen Folklore kennt, das gibt dann so einen sirenenartigen Klang, also ein Ton geht in den anderen über.

Spannend

Julián Carillo hat für diese Sechzehnteltöne ein eigenes Saiteninstrument erfunden, eine spezielle Harfe, um diese Zwischentöne erzeugen zu können. Die sieht von vorne überhaupt nicht nach Harfe aus, sondern wie eine hölzerne Wäschemangel. In diesem langen Kasten sitzen die Saiten, die der Harfenist dann anzupft. Vier Werke von Julián Carillo aus den 1920er und 30er Jahren waren zu hören - allesamt Entdeckungen.

Die Musik klingt wie eine Mischung aus europäischer Klangsprache der klassischen Moderne, durchsetzt von mexikanischen und arabischen Einflüssen. Für die Aufführung dieser Werke war ein mexikanisches Neue-Musik-Ensemble angereist. Das Ensemble LIMINAR ist das  einzige professionelle freischaffende im Land. Es agierte auf gleich hohem Niveau agierte wie das KNM Ensemble Berlin.

Dieses erste von vier Konzerten zu Tiepolos Kontinenten war spannend und hat neue Horizonte eröffnet. Das zweite mit dem Titel  "Europa" findet am 29. April statt.

Claus Fischer,kulturradio

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