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Grips-Theater - "Laura war hier"

Bewertung:

Das Stück von Milena Baisch ist ein echter Mutmacher-Abend in altbewährter Grips-Manier – inklusive aller Stärken und Schwächen, die diese Theater-Tradition mit sich bringt.

Realistische Stoffe aus dem Alltag, die Kinder Spaß und Mut machen – das ist schon seit den 1960er Jahren das Konzept von Volker Ludwigs weltbekanntem Grips-Theater. Auch der neue Intendant des Kinder- und Jugendtheaters, Philipp Harpain, fühlt sich diesem Programm verbunden. Das Stück "Laura war hier", das dort nun uraufgeführt wurde, ist ein echter Mutmacher-Abend in altbewährter Grips-Manier – inklusive aller Stärken und Schwächen, die diese Theater-Tradition mit sich bringt.

Die Autorin

Der typische Grips-Abend verläuft folgendermaßen: Ein Thema, das Kinder aus ihrem eigenen Leben kennen, wird psychologisch-realistisch auf der Bühne verhandelt, am Rand sitzen Musiker, zu deren Liedern die Schauspieler immer wieder fröhlich singen, am Ende folgt ein Happy End. So auch bei "Laura war hier", ein Stück für Kinder ab fünf Jahren. Wirft man einen Blick auf die Autorin, wundert einen das nicht: Milena Baisch ist Kinderbuchautorin, die nun zwar erst ihr zweites Kindertheaterstück vorgelegt hat, die aber mit dem Grips-Theater sozialisiert wurde und sich als Fan desselbigen bezeichnet. Ihr erstes Stück "Die Prinzessin und der Pjär" war ein großer Erfolg. Entstanden ist es im Rahmen des "Berliner Kindertheaterpreises", der vom Grips-Theater vergeben wird –  das Stück gewann nicht nur diese Auszeichnung, sondern auch den wichtigen Mülheimer Kinderstückepreis.

Das Stück

In ihrem neuen Text, der ebenfalls in enger Zusammenarbeit mit dem Theater entstand, ist die titelgebende Laura, sechs Jahre alt, die Hauptfigur. Sie wohnt mit ihrer alleinerziehenden Mutter, einer Supermarktverkäuferin, in einem großen Berliner Mietshaus und wünscht sich nichts sehnlicher als eine große Familie, die abends zum Essen zusammenkommt – so wie Laura das stets im Fernsehen sieht, wenn der Werbespot für ihre Lieblingspizza läuft: Die Mutter steht am Herd, bekocht den Vater und die vielen Kinder, ein süßer Hund komplettiert das harmonische Familienglück.

Nach einem Streit mit ihrer Mutter haut Laura heimlich ab – mit dem Vorsatz, sich im Haus genau so eine glückliche Familie suchen, wie sie ihr aus der Werbung entgegenlächelt. Sie klingelt an vielen Türen, stellt jedoch rasch fest, dass es ein derart harmonisches Heim mit jenen klassischen Rollenzuschreibungen nicht gibt. Ihr neuster Plan: Gemeinsam mit ihrem "Zwillingsbruder" Justin aus der Nachbarwohnung, der von einem schwulen Pärchen adoptiert worden ist, will sie sich eine Familie zusammenbauen. Und so reist sie von Tür zu Tür, sucht sich Oma, Onkel, Väter und Geschwister zusammen. Ein Stück zur modernen Patchwork-Problematik.

Das Publikum

Erstaunlich, wie die überwiegend fünf- und sechsjährigen Kinder im Publikum Laura über zwei Stunden lang gespannt auf ihrer Odyssee durchs Haus folgen. Sie lernen den bösen Hausmeister "Wesekus" mit der ruppigen Berliner Schnauze kennen, den Laura nur "Käsefuß" nennt, die vergessliche Oma, die coolen Teenager, die iranische Familie – alle von sechs Schauspielern im fliegenden Rollenwechsel mit viel Enthusiasmus gespielt. Unentwegt Szenenapplaus, Jubel, Zwischenrufe aus den Zuschauerreihen.

Die Inszenierung

Der Stoff trifft auch neuralgische Punkte: Etwa, wenn sich Justins Väter als Ehepaar präsentieren und sich dabei an den Händen halten – was die jungen Zuschauer mit Ekel-Geräuschen quittieren. Kinder sind nun einmal kleine Spießer; was sie nicht kennen, mögen sie nicht. Vielleicht ist diese Reaktion auch ein Seismograf dafür, wo wir in puncto Homosexualität gesellschaftlich noch immer stehen.

Der Regisseur Rüdiger Wandel hat den Text als musikalische Gaudi für die ganze Familie inszeniert – ein lustiges Stück mit ernstem Thema, das sich die neuen Rollenzuschreibungen in den unterschiedlichen Familienkonstellationen vornimmt. Die Mutmacher-Botschaft ist deutlich: Wenn die leibliche Familie nicht mehr komplett ist, gibt es immer noch die Wahlfamilie.

Das Schlussbild des Abends ist dann jedoch zu süßlich: Alle Hausbewohner feiern im Treppenhaus eine große Party, sogar der böse "Käsefuß"-Hausmeister tanzt im Glitzerfummel durch den Flur und schmeißt den Ghetto-Blaster an. Das ist dann doch zu viel Hollywoodmärchen – und hat mit der Lebensrealität von Kindern in Berliner Mietshäusern nichts mehr zu tun.

Barbara Behrendt, kulturradio

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