brothers; © HAU/Dieter Hartwig
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HAU 3 - Angela Schubot & Robert Steijn: "brothers"

Bewertung:

Diese Choreografie ist am Ende zu privatistisch, zu ichbezogen und damit leider nur teilweise gelungen.

Wie kann man dem Anderen, dem Fremden begegnen, Unterschiede akzeptieren, vielleicht etwas Gemeinsames finden? Das ist eine Grundfrage unserer Zeit, in der mit Angst vor dem Fremden Politik gemacht wird. Und das ist auch eine Frage für ein neues deutsch-niederländisches Tanz-Performance-Projekt. Die Berliner Tänzerin und Choreografin Angela Schubot und der Amsterdamer Künstler Robert Steijn haben gestern Abend im HAU 3 ihr Stück "brothers" zur Uraufführung gebracht, ihr erstes gemeinsames Stück, der Versuch einer so weit wie möglich unmittelbaren, unbegrenzten Begegnung zweier Menschen.

Behutsame Annäherung, ineinander sinken, spirituell gedachte Nähe

Diese Begegnung gehen sie an, indem sie den Anderen als absolut Anderen akzeptieren und sich sehr behutsam einander annähern, indem sie ineinander sinken und beieinander ruhen. Angela Schubot ist Ende 30, Robert Steijn Ende 50 – sie sind ein sehr ungleiches Paar, sie schmal, zart, durchlässig, er groß, massig, graue Haare, grauer Bart. In Körper, Größe, Gewicht, Alter, in allem unterscheiden sie sich deutlich. Diese Unterschiede, das Trennende sollen jedoch der Suche nach einer Gemeinsamkeit nicht im Weg stehen. Wobei es hier ganz klar nicht um ein Vater-Tochter-Verhältnis geht oder um Erotik und Sexualität, sondern um eine spirituell gedachte Nähe, eine Annäherung zwar körperlicher Art, aber seelischer Natur.

Entschleunigung, Meditation, unmittelbare Interaktion

Diese Nähe erreichen sie mit völliger Entschleunigung, mit Techniken aus Meditation und Schamanismus, mit denen sich Angela Schubot schon seit einigen Jahren beschäftigt und mit unmittelbarer Interaktion. Zu Beginn sitzt sie vor ihm, zusammengekauert, die Beine an den Leib gezogen. Er wirkt wie ein Gebirgsmassiv, bedrohlich und beschützend zugleich, sie wie ein Vögelchen, das Abschirmung und Kontakt sucht. Sehr langsam bewegt er seine Hände in wenigen Zentimetern Abstand an ihren Körperkonturen entlang, als würde er eine zweite Körperhülle über der Haut ertasten, worauf sie mit geschlossenen Augen reagiert, als würde sie diese Berührungen, die keine sind, erspüren oder erahnen.

Berühren, ohne zuzugreifen, ohne in Besitz nehmen und dominieren zu wollen, ist auch später das Thema, wenn beide völlig nackt sind, wenn sie durch die Nacktheit eine noch tiefere Ebene der Entblößung erreichen.

Auch die Zuschauer wohnen dem ganz unmittelbar bei, sitzen auf der Bühne des HAU 3 in einem Halbkreis ganz nah um ein nur wenige Zentimeter hohes Podest, auf dem nur ein Teppich liegt und das von einem Scheinwerfer-Himmel knapp darüber komplett ausgeleuchtet und ausgestrahlt wird. Die Intimität der beiden ist auch eine Intimität des Zuschauens.

Zunächst Sogwirkung, dann Kontaktverlust

Zu Beginn dieser Duo-Performance hat das eine starke Sogwirkung, durch die absolute Reduktion auf zwei sich begegnende Körper, durch die Langsamkeit und die Stille - es gibt keine Musik, nur das Atmen, später mantrisches Summen, Raunen, Sprechen - und durch die zunehmend extremer werdende Verinnerlichung von Angela Schubot, die sich v.a. mit Atemtechnik in einen Meditationszustand versetzt, einen anderen Bewusstseinszustand, bis ihr Körper weich und grenzenlos scheint, so entspannt, dass der Speichel aus dem Mund fließt.

Diese nach Innen gerichtete Konzentration und das eher vegetative Reagieren auf äußerliche Impulse führen allerdings auch zunehmend zu einer hermetischen, ausschließenden Wirkung. Robert Steijn wird zum Begleiter ihrer inneren Zustände, die Performance wird zum Solo und wir Zuschauer zu distanzierten Beobachtern – in den späteren Szenen in Dunkelheit und grünblauem Aquariumlicht geht der Kontakt verloren.

Thema verloren, Duo ohne Bestand

Damit geht auch das Thema verloren, die Begegnung mit Fremdem, Anderem. Geht es zu Beginn noch darum, dem Anderen zu begegnen, ohne zu urteilen und zu bewerten, ohne zu  definieren und kategorisieren, eine Begegnung, befreit von den Lasten der Persönlichkeit und damit auch frei und offen für alle Möglichkeiten, so schließen sich diese offenen Fenster, je tiefer Angela Schubot in sich selbst versinkt.

In ihren früheren Projekten war das anders: etwa bei ihrer Workshop-Performance in den Uferstudios "The Fire from within", bei der sie die liegenden Zuschauer über zwei Stunden in Tiefen-Meditation geführt hat oder bei ihrem Solo "Körper ohne Macht 3" im HAU 1, in dem sie ihre Trance-Zustände auf die Zuschauer übertragen konnte. Das jedoch waren Solo-Stücke. Hier gelingt diese Übertragung nur zu Beginn, wie auch das Duo nur zu Beginn Bestand hat. Robert Steijn verschwindet als Duo-Partner, es gibt keine Interaktion mehr, kein Reagieren auf den Anderen.

Dass Angela Schubot versucht, Techniken der Meditation und des Schamanismus auf die Tanz-Performance-Kunst zu übertragen, ist einzigartig, das macht sonst niemand und es ist faszinierend, ihr dabei zuzusehen. Allerdings mangelt es hier an szenischem Material, es gelingt nicht, die Idee der körperlichen Entgrenzung in eine tragfähige Bühnenpraxis zu übertragen. Gerade ein Duo verlangt sehr viel mehr als die Versenkung des einen in Begleitung des anderen. Diese Choreografie ist am Ende zu privatistisch, zu ichbezogen und das Angebot an die Zuschauer, im zweiten Teil des Abends gemeinsam zu meditieren, macht daraus eine halbprivate Meditations-Session, ein Selbsterfahrungs-Selbsterlebnis-Ereignis. Also leider nur teilweise gelungen.

Frank Schmid, kulturradio

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