"Das goldene Vlies", Florian Schmidtke (Jason) und Marianna Linden (Medea); © Göran Gnaudschun
Hans Otto Theater/Göran Gnaudschun
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Hans Otto Theater Potsdam - "Das Goldene Vlies"

Bewertung:

Der Theaterbesuch lohnt durchaus - notwendig ist nur ein wenig Geduld vor der Pause: Der zweite Teil fesselt mit Konzentration aufs Wesentliche.

Erzählt wird in Potsdam vor allem der Medea-Mythos, die Geschichte der Frau, die ihre Kinder mordet. Warum tut sie's, wie kommt es dazu? Das wird erforscht. Dabei kommt heraus: Sie wurde aus ihrer Heimat gerissen, von Jason, dem Eroberer, sie wird in die Fremde gezwungen – und verdorrt dort, weil ihr keine Chance gegeben wird, anderes zu sein als "die Fremde", dabei immer unter dem Generalverdacht stehend, auch "die Feindin" zu sein. Jason hilft nicht. Im Gegenteil. Denn er hat sie nur genommen, weil er das Goldene Vlies wollte, den sagenhaften Schatz, Symbol für Ruhm, Macht, Vermögen.

Die Geschichte wird zur Skizze

Es ist ein langer Abend, fast drei Stunden mit Pause. Und es ist ein durchwachsener Abend. Optisch ist das sehr spannend: Vor der Pause – wir sind bei Medea zuhause – sieht das nach karster Landschaft aus, düster, felsig. Tierschädel stecken auf Stangen. Das hat etwas von einer Weihestätte. Nach der Pause zeigen raffiniert verstellbare Wände, dazu viel klug raffiniert zu verwandelndes Licht: Wir sind in Jasons Heimat, an einem Fürstenhof und in dessen Umgebung.

Bei Grillparzer sind das drei Stücke für zwei Abende, in Potsdam ist es einer. Da wird die Geschichte zur Skizze, werden die Charaktere auf Typen reduziert. Die Schauspieler versuchen, das mit Intensität zu kompensieren. Das gelingt in einigen Szenen sehr gut, insbesondere, je näher das grausame Ende kommt. Doch zu oft hat das etwas Verkrampft-Gestelztes, vor allem im ersten Teil. Das hat auffallend viele Besucherinnen und Besucher in der Pause in die Flucht geschlagen.

Starkes Schauspiel

Marianna Linden als Medea und Florian Schmidtke in der Rolle des Jason haben im zweiten Teil der Aufführung sehr bezwingende Momente, wenn sie in kammerspielartigen Szenen einer zerrütteten Ehe spielen, dabei leise bleiben, verhalten, und gerade deshalb stark. Leider hat die Regie sie aber auch dann wieder in eine oft geradezu exaltiert anmutende Körpersprache getrieben, in wilde Pantomimen, die wie Kampf-Tänze erscheinen. Das soll wohl archaisch wirken. Doch es sieht zu manieriert aus und kommt damit gar hart an die Grenze zum Lächerlichen.

Dennoch: Der Theaterbesuch lohnt durchaus. Notwendig ist nur ein wenig Geduld im ersten Teil, vor der Pause. Man lasse sich da nicht abschrecken von dem Zuviel an Einfällen des Regisseurs Alexander Nerlich, dessen "Peer Gynt" in Potsdam in bester Erinnerung ist. All das Pantomimische, Sportliche, Tänzerische, die Klang-Installationen, das Wabern des Düster-Atmosphärischen, das sich nicht immer erschließt, wenn man in dem antiken Stoff, der Grillparzer als Anregung gedient hat, nicht wirklich bewandert ist. Doch die Geduld wird belohnt: Der zweite Teil fesselt mit Konzentration aufs Wesentliche, mit emotionaler Dichte und – das A und O – sehr oft mit schauspielerischer Klasse. Da wird der Schrecken, den Medea erleidet, ohne vordergründige Verweise geradezu greifbar, kommt uns nah und spiegelt Probleme unserer Gegenwart.

Peter Claus, kulturradio

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