"Im Sommer wohnt er unten" mit Jana Klinge, Tobias Licht, Lara Marian und Kai Lentrodt; Foto: © Barbara Braun
Barbara Braun
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Komödie am Kurfürstendamm - "Im Sommer wohnt er unten"

Bewertung:

Der gleichnamige Debütfilm von Tom Sommerlatte lief mit einigem Erfolg bei der Berlinale 2015 und konnte in der Folgezeit einige Publikums- und Kunstpreise einheimsen. Jetzt hat der Bühnen-Spezialist Gunnar Dreßler den Filmstoff zu einem Theaterstück umgeschrieben – gestern Abend war Uraufführung.

Es geht um ein deutsches Brüderpaar, Matthias und David, das ungleicher nicht sein könnte, denn beide haben völlig verschiedene Vorstellungen davon, wie ihr Leben aussehen sollte, ob und was sie arbeiten und wen und wie sie ihre Liebe gestalten.

Matthias ist ein sympathischer Nichtsnutz und notorischer Kiffer. Er lebt mit seiner französischen Freundin Camille und deren Sohn im Ferienhaus der Eltern am Mittelmeer, genießt die milde Sonne und den Sex mit Camille.

Doch die friedliche Idylle wird jäh gestört, als Bruder David, ein vermeintlich erfolgreicher und sittenstrenger Banker, mit seiner frustrierten Gattin Lena ins Sommerparadies einfällt, den schlaffen Bruder Matthias aus seinem Zimmer schmeißt und ihn nach unten verbannt, ihn dazu vergattert, den Rasen zu mähen und den Sohn seiner Freundin wegzuschicken.

Weil Matthias und Camille sich die Arroganz von Macho David und das Herumzicken von Lena nicht gefallen lassen, kommt es – naturgemäß – zu einigen Verwerfungen, Gefühlsausbrüchen und Beziehungsschlachten.

"Im Sommer wohnt er unten" mit Tobias Licht, Jana Klinge, Lara Marian und Kai Lentrodt; Foto: © Barbara Braun
Tobias Licht, Jana Klinge, Lara Marian und Kai Lentrodt; © Barbara Braun | Bild: Barbara Braun

Der Film bezeichnet sich aus gutem Grund als "Dramödie", weil all die unter französischer Sonne aufkeimenden Konflikte mit einer gewissen Leichtigkeit und Eleganz ausgespielt werden, weil das Drama des Lebens mit Ironie und Charme und die Komödie der Irrungen und Wirrungen etwas Abgründiges hat.

Doch hier auf der Bühne wird das alles zu grobkörnigem Klamauk, zu neckischem Slapstick. Die Dialoge sind deftig, der Sex verklemmt, das Spiel rustikal, und zu jedem Szenenwechsel werden französische Chansons eingespielt, Oldies der Sechzigerjahre, Adamo und Serge Gainsbourg, France Gall und François Hardy.

Jede Pointe ist ohne Esprit, jeder Dialog ist vorhersehbar, jeder Kuss und jedes Gefummel ist lendenlahm, die vermeintlichen Wahrheiten und bitteren Enthüllungen haben den billigen Charme einer TV-Vorabendserie. Das alles ist fürchterlich nett und auf banale Weise unterhaltsam, alles ist garantiert knitterfrei und völlig harmlos und folgenlos.

Die Inszenierung setzt auf Überwältigung: Schon wenn das erste Mal der Vorhang aufgeht, gibt es ein großes Aha! und Oho! und freudigen Applaus für ein pseudo-naturalistisches Duplikat eines typisch französischen Sommerhauses aus erdigem Naturstein, Efeu rankt sich über die Hausfassade, davor eine Terrasse mit Liegestühlen. Ein gigantischer Baum wirft erholsamen Schatten, ganz hinten ahnen wir das kühlende, blaue Meer.

Es ist die perfekte Illusion einer romantischen Idylle, genau das passende Ambiente für eine Potemkinsche Wirklichkeit, die uns Kitsch als Kunst und Klischees als Komödie verkaufen will.

Die vier Schauspieler können einem ein bisschen leidtun, denn ihre Figuren stammen nur aus dem Stereotypen-Baukasten einer leichten und luftigen Freitagabend-Fernseh-Familien-Sendung.

Was Kai Lentroth (als Matthias), Tobias Licht (als David) und Jana Klinge (als Lena) abliefern, ist absolut routiniert und total transparent. Man muss sie nur einen Augenblick sehen und sprechen hören, und schon kennt man sie in und auswendig.

Einzig Lara Marian (als Camille) hat eine geheimnisvolle Seite, ein kleines Rätsel, eine schillernde Ambivalenz. Ihrem frischen Spiel zu folgen entschädigt für manchen Leerlauf.

Die Inszenierung hat etwas reichlich Abgestandenes, Vorgestriges, Überflüssiges: langweiliges Komödien-Mittelmaß. Aber der Gerechtigkeit halber muss ich anerkennen, dass ein großer Teil des Premieren-Publikums das offensichtlich ganz anders empfunden hat und sich bestens unterhalten fühlte.

Es wurde viel gekichert und manchmal auch herzhaft gelacht und zum Schluss freudig applaudiert. Was kann sich ein Theater mehr wünschen als ein zufriedenes, glückliches Publikum.

Der Kritiker mit seinen viel zu hohen Ansprüchen an eine gute, intelligente Komödie kann dem Theater doch auch wirklich gestohlen bleiben, oder?

Frank Dietschreit, kulturradio

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