Michael Schønwandt; Foto: © Martin Mydtskov Ronne
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Konzerthaus Berlin - Konzerthausorchester unter Michael Schønwandt

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Der 200. Geburtstag macht es möglich, dass auch mal ein Werk des dänischen Komponisten Niels Wilhelm Gade im Konzert aufgeführt wird. Und natürlich auch die Tatsache, dass der ehemalige Chefdirigent des Konzerthausorchesters am Pult steht.

Ein solch originelles Konzertprogramm erlebt man nicht jedes Mal. “Pohjolas Tochter“ von Jean Sibelius wird selten gespielt – noch seltener die erste Sinfonie von Niels Wilhelm Gade zum 200. Geburtstag Gades am 22. Februar.

Allerdings hört man auch Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonia concertante für Violine und Viola nicht gerade häufig – verständlich, denn man benötigt für das Werk zwei Solisten, die gut aufeinander eingespielt sind.

An Mozart vorbei

Die Geigerin Alina Ibragimova und der Bratscher Nils Mönkemeyer sind zwei junge, aber bereits erfahrene Solisten. Sie spielten zusammen, es hat funktioniert. Viel mehr kann man darüber allerdings kaum sagen, denn es schnurrte handwerklich halbwegs sauber ab, nur spürte man wenig von dem Witz, den Mozart auf beide Solisten zugeschnitten hat.

Wie so vieles, hat Mozart auch dieses Werk aus dem Blickwinkel des dramatischen Komponisten geschrieben, wo sich beide abwechseln, zusammenspielen oder im Wettstreit liegen. Wenn dann aber am Ende nur herauskommt, dass es leidlich zusammen war, ist das zu wenig. Wo ein bisschen Individualität versucht wurde, war es bei Alina Ibragimova spitz, bei Nils Mönkemeyer zu breit im Ton. Das war solistisch aneinander vorbei. Und auch am Werk vorbei.

Der Handwerker

Michael Schønwandt war in den 90er-Jahren Chefdirigent des damaligen Berliner Sinfonie-Orchesters. Schon da hatte er sich vor allem als solider Handwerker bewährt, der sich um die Balance innerhalb des Orchesters kümmerte. Auch sein Mozart-Dirigat ließ handwerklich wenig zu wünschen übrig.

Nur verlangt auch die Ouvertüre zur Oper “Don Giovanni“ mehr als ein Funktionieren. Wo Mozart auf engstem Raum die wesentliche Elemente dieses Werkes komprimiert, war hier alles gut organisiert, das Orchester an der kurzen Leine, alle zusammen und dynamisch gut aufeinander abgestimmt. Musikalisch war es dagegen leider eine Nullaussage.

Finnische Klangskulpturen

Nach der Pause wandelte sich das Klangbild. Zunächst in Jean Sibelius‘ Sinfonischer Dichtung “Pohjolas Tochter“. In dieser Episode aus der finnischen Nationaldichtung “Kalewala“ versucht ein Barde, mit Heldentaten seine Geliebte zur Frau zu bekommen, scheitert jedoch.

Das alles mag zum detaillierten Verständnis dieser knappen Viertelstunde wichtig sein; darüber hinaus jedoch spürte man eine ganz andere Spannung im Orchester. Die bewegten Klangflächen wurden durch das ganze Werk getragen; man war fasziniert von den ausgewogenen Klangskulpturen.

Halber Geniestreich

Und: ja, es gab wirklich etwas zu entdecken. Die erste Sinfonie von Niels Wilhelm Gade ist ein halber Geniestreich. Mit Mitte 20 komponiert, klingt sie wie ein Mittelding aus Mendelssohn und frühem Dvořák, aber letztlich doch nach eigener Handschrift. Sehr melodisch und eingängig, aber wenn man meint, man habe es verstanden, geht es doch ganz anders und originell weiter. Romantische Naturschilderung steht neben wohltuend herb gebrochener heroischer Blechbläsertönung.

Michael Schønwandt hat dieses Werk zu seiner Herzensangelegenheit gemacht. Ganz anders wirkten seine Gesten, die aus seiner inneren Begeisterung gespeist zu sein schienen. Das Schöne: Das Konzerthausorchester hat sich davon anstecken lassen. So rund hat man diesen Klangkörper lange nicht mehr erlebt, voller Spannung und Einheit, rund und erhaben. Selbst über das etwas hölzern komponierte Finale kam das Orchester hinweg. Wenn an einem Abend Gade besser klingt als Mozart, will das schon etwas bedeuten.

Andreas Göbel, kulturradio

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