"Le grand Macabre", Ronita Miller, Anna Prohaska; © Monika Rittershaus
Bild: © Monika Rittershaus

Philharmonie Berlin - "Le grand Macabre"

Bewertung:

Mutiger ist in der Philharmonie nie inszeniert worden, auch nicht von Sellars selber.

Drei Abo-Konzerte mit Ligetis opus magnum "Le grand Macabre", das ist verwegen. Um so mehr, als die Berliner Philharmonie anschließend auf Tour damit gehen. Dennoch blieb kaum ein Platz leer; auch der Geschmack der Abonnenten entspricht nicht mehr dem Klischee, konservativ zu sein. Trotzdem gehört dieser Abend zu den Abschiedsgeschenken, die sich ein langsam scheidender Chefdirigent (Simon Rattle) selber macht. Und der Artist in Residence, Peter Sellars, kann an einen Erfolg von einst anknüpfen. Sellars war es, der 1997 die revidierte Fassung der Oper in Salzburg zur Uraufführung brachte.

"Le grand Macabre", Peter Hoare, Frode Olsen, Pavlo Hunka; © Monika Rittershaus
Peter Hoare, Frode Olsen, Pavlo Hunka; © Monika Rittershaus

Surrealistische Groteske

Tatsächlich begegnen wir nicht dem üblichen Friede-Freude-Eierkuchen-Sellars, bei dem es mir manchmal zu "ringelpiezig" und harmonieselig zugeht. Hier ist der alte, provokative Peter Sellars am Werk, der Anfang der 80er Jahre "Don Giovanni" ins Junkie-Milieu der New Yorker U-Bahn verlegte (ein Urknall des internationalen Regie-Theaters). In Ligetis surrealistischer Groteske – einem Wimmelbild voll wüster Saufereien, Brachialsprache und allen Freuden der Unzucht – geht es für Sellars überraschend um: Nuklear- und Atombombenversuche seit den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Sänger spazieren in Laborkitteln über die Bühne und sitzen an Laptops. Der Grand Macabre ist Vortragender auf einem Rüstungs- oder Abrüstungsgipfel. Sellars tut das, um den Irrsinn dessen zu zeigen, was uns heute rational erscheint. Über weite Strecken funktioniert es erstaunlich gut.

"Le grand Macabre", Christian Stadelmann; © Monika Rittershaus
Christian Stadelmann; © Monika Rittershaus | Bild: © Monika Rittershaus

Klug besetzt

Bekannte Sänger wie Anna Prohaska und Frode Olsen treten eher am Rande auf. Als Nekrotzar bringt Pavlo Hunka seinen aalglatten Kampfbariton in Stellung. Rattle hat klug besetzt: Als Mescalina verwandelt Heidi Melton (eine der vermutlich großen Brünnhilden der kommenden Jahre) das atonale Werk in einen Klassiker mit Grand opéra-Aspekten. Am Besten: Audrey Luna als Polizeichef Gepopo; sie wird von Sellars ans Klinikbett gefesselt, in ein Opfer umgepolt. Man muss sagen: Mutiger ist in der Philharmonie nie inszeniert worden, auch nicht von Sellars selber.

Überragende Aufführung

"Le grand Macabre" mag nicht die richtige Oper für die Berliner Philharmoniker sein. Aber sie sind das richtige Orchester für dieses Stück. Wer es vor Jahren an der Komischen Oper gesehen hat, wird sich der Mühen erinnern, mit denen die Musiker durch atonale Fluten pflügen und verzweifelt versuchen, dabei nicht unterzugehen. Bei Rattle dagegen erlangt die Partitur eine solche Trennschärfe, auch farbige Opulenz, dass es sich in ein völlig anderes Stück verwandelt. Etliche Schlagwerkattacken, Schnalz- und Rülps-Kanonaden finden im Rücken der Zuschauer statt. Auch der Rundfunkchor agiert (als Publikum getarnt) aus dem Zuschauerraum heraus. Es sind gute Gruseleffekte einer insgesamt überragenden Aufführung. Auch nach der Pause waren nur sehr wenige Abonnenten-Plätze unbesetzt.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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