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Renaissance-Theater - "Wunschkinder"

Viel Aufregung und wenig echtes Gefühl auf der Bühne – da müsste einiges besser austariert werden. Dennoch: Die Energie, die die Inszenierung von Torsten Fischer versprüht, reißt mit.

"Never change a running system", wird sich die Leitung des Renaissance-Theaters gedacht haben. Als Regisseur wurde Torsten Fischer verpflichtet, der dem Haus schon viele Erfolgsinszenierungen beschert hat u.a. mit den Lutz-Hübner-Stücken "Richtfest" und "Blütenträume". Und auch diesmal gab es tosenden Applaus.

Kampf der Generationen

Es geht um das "Wunschkind" Marc. Er hat mit Ach und Krach sein Abi geschafft und hängt nun nur noch zu Hause rum. Was aus ihm werden soll, scheint ihn nicht zu kümmern – sehr zur Sorge seiner Eltern. Doch dann lernt er ein Mädchen kennen. Selma kommt – im Gegensatz zu ihm – aus einer armen Familie und jobbt, um ihre Ausbildung zu bezahlen. Marcs Eltern sind begeistert: Endlich ist jemand da, der ihrem verwöhnten Sohn Zielstrebigkeit beibringt.

Doch dann kommt alles anders. Selma wird schwanger. Marcs Eltern bieten Geld für die Abtreibung an und Marc wird unsicher. Das einzige, was er weiß ist, dass er sich von seinen Eltern nichts sagen lassen will. Lutz Hübner beschreibt einen Generationenkampf, in den sich alle hineinsteigern – und da die Temperamente aufeinander krachen, sprühen Funken.

Destillierter Zeitgeist

Lutz Hübner ist ein Autor, der es meisterhaft versteht, ernste Probleme in pointierte Dialoge zu verpacken. Seine Figuren sind destillierter Zeitgeist. Alles, was sie sagen, hat man so schon einmal gelesen oder gehört. Daher kann man sich zu der Geschichte auch leicht in Beziehung setzen. Es geht um Eltern, die ihren Kindern Druck machen und so das Gegenteil von dem erreichen, was sie erreichen wollen.

Torsten Fischer spitzt die Geschichte in seiner Inszenierung ironisch zu. Marc, der anfangs auf dem Boden kauert und melancholische Musik hört, springt auf einmal auf und greift nach den Turnringen, die von der Decke herabbaumeln. Er macht seine Übungen, schaukelt hin und her und hat sichtbar Spaß – bis seine Eltern hereinkommen. Sein Vater ist ein Anzugträger mit herabhängenden Mundwinkeln, die Mutter ein Hausputtelchen. Dass der Jungen mit den beiden nichts zu tun haben will, versteht man sofort.

Grotesk übersteigert

Dabei hat der Vater durchaus Humor. Klaus Christian Schreiber spielt ihn als schlagfertigen Zyniker - sehr unterhaltsam. Simone Thomalla als frustrierte Mutter und Ehefrau kann da nicht mithalten. Erst verschanzt sie sich hinter einem Dauerschmollen, dann schreit sie hysterisch herum – das wirkt aufgesetzt, ist als ironische Zuspitzung aber wahrscheinlich so gewollt. Torsten Fischer lässt die Akteure oft minutenlang gegeneinander ankeifen. Die Streits werden grotesk übersteigert, was teilweise sehr komisch ist. Doch es fehlen die Brüche, durch die der Spaß wieder in Ernst umschlagen könnte.

Der Humor dominiert

Die Bühne zeigt einen Fantasieraum. Rechts  gibt es eine alte Tür, von der schon die Farbe abblättert und links eine moderne – Metaphern, die glattgebügelte Welt von Marcs Eltern und das ramponierte Zuhause von Selma stehen. Die Rückwand ist mit einer Fototapete beklebt, die eine trostlose Landschaft zeigt. Sie steht für die Tristesse im Inneren der Figuren.

Die Inszenierung hat also auch Widerhaken, doch es dominiert der poltrige Humor der Wortgefechte und Streits. Es gibt viel Aufregung und wenig echtes Gefühl – da müsste einiges besser austariert werden. Applaus gab es im Renaissance-Theater aber trotzdem. Und das muss man anerkennen:  Die Energie, die die Inszenierung versprüht, reißt mit.

Oliver Kranz, kulturradio

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