Neuköllner Oper: Rette uns, Okichi!; Foto: © Matthias Heyde
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Neuköllner Oper - "Rette uns, Okichi!"

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"Kurofune" - zu Deutsch "Die Schwarzen Schiffe” gilt als die erste große Nationaloper im modernen Japan, 1920 komponiert von Kosaku Yamada. In Europa ist diese Oper bisher noch unbekannt, doch das ändert sich jetzt!

Stichwort "Nationaloper" - musikhistorisch betrachtet gibt es Analogien zu Carl Maria von Webers "Freischütz", auch wenn das Werk von Kosaku Yamada knapp 100 Jahre jünger ist. Die Oper beschäftigt sich nämlich a.) dezidiert mit einem Sujet aus der Geschichte des Landes, nämlich der Landung amerikanischer Truppen in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Bucht der Hauptstadt Edo, dem heutigen Tokio, und mit deren Folgen für die Nation. Und b.) ist es wohl die erste japanische Oper, die auch in unseren Breiten als Oper durchgehen würde, mit Sängerensemble und großen Orchester.

Nur als minimal reduzierte Kammerversion

Kosaku Yamada hat in Berlin Komposition studiert, u.a. bei Max Bruch, und man hört - auch in der Kammerversion - deutlich den Einfluss der deutschen Spätromantik: Bruch, Richard Wagner, Richard Strauss vor allem und Eugen d'Albert. Aber auch etwas Claude Debussy klingt durch, Es ist eine klanglich deutsch geprägte Oper im Stil des italienischen Verismo - und ich fand es schon ein wenig schade, dass sein Werk jetzt erst einmal nur als minimal reduzierte Kammerversion bei uns zu erleben ist.

Wie in jeder richtigen Oper geht es um Liebe und alles, was dazugehört. Das Ganze spielt ja am Ende der zweihundertjährigen Herrschaft der Shogune, das Kaisertum war noch nicht wieder eingesetzt. Ein amerikanischer Konsul landet per Schiff in Tokio an, um den Shogun zu einem Handelsabkommen mit den USA zu "bewegen". Ein Samurai, also ein japanischer Offizier, betreut den Amerikaner und besorgt ihm eine Geisha, der Tradition entsprechend. Der Samurai hasst den amerikanischen Eindringling insgeheim und gibt Okichi eine Mordwaffe in die Hand, ein Stilett in einem Fächer versteckt. Okichi soll den Konsul ermorden, damit Japan gerettet wird, also  unabhängig bleibt. So erklärt sich der Titel, den die Neuköllner Oper für Ihre Kammerversion gewählt hat, "Rette uns, Okichi". Aber stattdessen verliebt sie sich in den Mann, den sie töten soll. Der Samurai bekommt das mit und will voller Zorn beide umbringen. In buchstäblich letzter Minute kommt ein Bote des Shoguns, der ihn davon abhält, da Japan sich den Amerikanern unterwerfen will. Der Samurai begeht daraufhin rituellen Selbstmord.

Da stimmte einfach alles

Also mit den bescheidenen räumlichen und ausstattungstechnischen Mitteln, die das Studio - quasi das "kleine Haus" der Neuköllner Oper - bietet, hat Regisseur Tomo Sugao eine doch große Wirkung erreicht. Das Ganze spielt auf einer Art langem Laufsteg, das Publikum sitzt links und rechts davon in zwei Reihen. Links ist der Hafen durch eine Rampe angedeutet und rechts ein Hauseingang  - das Haus des Samurai - darüber Videoprojektionen, u.a. der japanischen Flagge. Dann gibts noch einen Fahnenmast und ein Podest.

Tomo Sugao versteht es sehr gut, die Protagonisten zu führen. Man sieht ihre jeweiligen Gemütszustände. Und vor allem in den Kampfszenen spürt man, dass da ein echter Japaner inszeniert hat. Da kommen uralte Praktiken durch, manches scheint wie in Zeitlupe zu passieren, es kommt das Exotische, das in der Musik ja nicht dominiert, doch deutlich zum Tragen.

Die Leistungen der Sänger waren insgesamt gut. Yuri Mizobuchi in der Rolle der Okichi sprengte mit ihrer voluminösen Soorabstimme anfangs den doch eher kleinen Raum. Aber sie hat sich dann gut an die Akustik angepasst, weniger gegeben, so dass man auch die lyrischen Register ihrer Stimme schön wahrnehmen konnte. Der Tenor Edwin Cotton, ein Afroamerikaner, ebenso passabel in der Rolle des amerikanischen Konsuls und Geliebten. Er hatte allerdings in den Spitzentönen Probleme, aber das fiel nicht allzu sehr ins Gewicht. Star des Abends war aber zweifellos Bassbariton Tobias Hagge als Samurai, da stimmte einfach alles. Und das traf auch für das "Orchester" zu.

Absolut gelungen

Der deutsch-japanische Dirigent und Pianist Aki Schmidt hat aus der Partitur von Kosaku Yamada die Klavierfassung für die Neuköllner Oper erstellt und vom Klavier aus auch dirigiert. Dabei hielt er immer die Fäden in der Hand. Als zweites Instrument kam eine traditionelle japanische Shō zum Einsatz, eine kleine Orgel, die mit dem Mund angeblasen wird. Sie stand als Leitmotiv an den Stellen, an denen das Schicksal zuschlägt, das hat der Komponist in wagner'scher Tradition so vorgesehen - und das gab dieser absolut gelungenen Produktion den letzten "authentischen" Schliff. Es wäre zu wünschen, dass "Rette uns Okichi" auch bald mal in der originalen Fassung mit großem Orchester in Deutschland auf die Bühne kommt.

Claus Fischer, kulturradio

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