Hermann Heisig & May Zarhy: Next to Near © Tamar Lamm
Tamar Lamm
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Sophiensaele - Hermann Heisig & May Zarhy: "Next to Near"

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Forschungsreise mit grotesken Momenten - Heisig und Zarhy sind überzeugende Performer, man sieht ihnen gern bei ihrer Welt-Erkundung zu.

Wie kann man zu Nähe oder sogar Intimität finden in einer Welt, die immer unübersichtlicher zu werden scheint, in der eher die Quantität als die Qualität von Beziehungen  und Freundschaften zum Maß geworden zu sein scheint, in der die reine Anzahl sogenannter Freunde, in den Sozialen Medien per Mausklick zu erreichen, zum Maßstab geworden zu sein scheint? Dies sind Fragen, mit denen sich Hermann Heisig und May Zarhy in ihrer neuen Choreographie "Next to Near" beschäftigen. Gestern war Uraufführung in den Sophiensaelen.

Bühnenraum als fremde, zu erkundende Welt

Überraschenderweise gehen die beiden ihr großes Thema nicht auf der Ebene der zwischenmenschlichen Kommunikation und all ihrer Fallstricke an. Sie gehen abstrakt vor, weiten den Blick und erklären den Bühnen-Raum selbst zur Welt, die es zu erkunden und zu verstehen gilt. Und sie thematisieren die Methoden, mit denen wir in Kontakt und Beziehung zu Welt und Menschen zu kommen versuchen.

Der Festsaal der Sophiensaele, auf dessen Tanzfläche wir Zuschauer in Strümpfen auf Papphockern sitzen, ist jener Welten-Raum, in welchem sich Hermann Heisig und May Zarhy zu orientieren versuchen, indem sie ihre eigenen Körper zu Maßeinheit und Resonanzraum machen. Und das zu einer irrlichternden Musik von Tian Rotteveel, dem Performer, Musiker und Komponisten, zunehmend erste Wahl bei vielen Produktionen der Freien Szene, hier mit einer Mischung aus smoothigem und schroffem Jazz, live gespielt mit Elektro-Piano, Kontrabass und Querflöte.

Echolot-Zischeln und Körper-Vermessungen

Heisig und Zarhy erkunden die Bühne, die auch wir Zuschauer barfuß, uns im Dunkeln vorsichtig vorantastend betreten haben, mit einer Art Echolot. Sie zischen und zischeln durch die Zähne, als würden sie Lautwellen in den Raum schicken und Wände, Fenster, Boden durch die zurückprallenden Schallwellen wahrnehmen können. Unverbunden miteinander, jeder für sich, zischeln sie sich voran.

Auch die Zuschauer-Körper sind zu entdeckende Objekte und manchmal müssen sie sehr nah ran, um zu erkennen, was sie vor sich haben, wobei Heisig in intime Nähe geht und Zarhy auf Distanz bleibt. Neben dem Echolot-Zischeln sind die eigenen Körper ihre Maßeinheiten zur Welt-Vermessung, ihre technischen Parameter. Sie rennen, liegen, rollen über die Bühne und strecken die Arme zu einem großen "V" aus. Das ist ihre Maßeinheit, mit der sie alles überprüfen: den Kubus, der im Raum steht und der sich später als formwandelndes Objekt entpuppt oder auch einander.

Da allerdings May Zarhy mehr als einen Kopf kleiner ist als der lange, schlaksige Hermann Heisig, können sie einander mit dieser Maßeinheit der Arme nicht erfassen, die Arme ragen schlicht ins Nirgendwo, wenn sie sich aneinander pressen. Der gestaltwandelnde Kubus und der andere Mensch können auf diese Weise, mit diesen Mitteln nicht erkannt werden.

Forschungsreise mit grotesken Momenten

Ihre Reflexion zur weitestgehend Unerkennbarkeit der Welt, ihre Forschungsreise betreiben die beiden zwar sehr ernsthaft, jedoch gibt es groteske Momente, wenn sie die Heizungsrohre oder die Zuschauer anzischeln, wenn  Heisig mühsam wackelig die leere Zuschauertribüne erklimmt oder die Zuschauer in einer Phantasiesprache auffordert, mit den Papphockern in eine andere Ecke der Bühne zu wechseln. Es dauert, bis diese Bitte verstanden wird.

Die Botschaft ist klar: Kommunikation ist schwierig, wenn man über keine gemeinsame Sprache verfügt und das Verstehen der Welt ist noch schwieriger, wenn man nur über unzureichende Mittel verfügt, mit denen die Komplexität der Welt nicht erfasst werden kann. Mit ihren Methoden können sie Objekte nur vermessen, nicht jedoch ihre Bedeutungen, Funktionen, Beziehungen und Abhängigkeiten erklären. Diese beiden tapsen durch eine ihnen fremde Umgebung und wenn man will, sind sie damit unser aller Abbild, sind Umherirrende in einer so komplexen und vielgestaltigen Welt, dass sie nicht erfassbar und verstehbar erscheint und eigentlich Angst auslösen müsste, wobei sie jedoch frohgemut und unverzagt tapfer bleiben bei ihren Verständnis-Versuchen.

Thematisch und methodisch recht klein angesetzt

Die veränderte Perspektive auf die Fragen nach der Möglichkeit von Welt-Wahrnehmung und Nähe und Intimität ist eine nachvollziehbare und schlüssige Idee. Auch dass sie nicht den einfachen Weg gewählt haben, zwischenmenschliches Gelingen und Scheitern abzubilden, überzeugt. Das hätte v.a. bei Hermann Heisig nahe gelegen, der seit vielen Jahren als Performer und Choreograph zu den wichtigsten der Berliner Szene gehört und der allein durch seine unförmige, ungelenke Schlaksigkeit bei aller Präzision seiner Körperkunst immer eine Spur Humor noch in die ernsthaftesten experimentellen Performances bringt.

Heisig und Zarhy, beide Mitte 30, seit Jahren ein miteinander vertrautes Team sind den schwierigen Weg gegangen, was Respekt verdient, auch wenn sie hier nicht gerade in außerordentliche Erkenntnistiefen vorstoßen und alles thematisch wie methodisch recht klein gedacht und angesetzt ist. Beide sind jedoch überzeugende Performer, man sieht ihnen gern bei ihrer Welt-Erkundung zu. Etwas mehr Tiefe und Schärfe hätten dem Ganzen aber auch gut getan.

Frank Schmid, kulturradio

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