Piotr Anderszewski © Robert Workman
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Philharmonie Berlin - Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim. Mit Piotr Anderszewski

Bewertung:

Lange war die Staatskapelle Berlin nicht mehr in dieser Stadt zu erleben. Jetzt kehrte sie nach ihrer großen USA-Tournee zurück und wurde vom Publikum in der Berliner Philharmonie gefeiert. Teilweise zu recht.

Die Philharmonie war brechend voll. Nach der Pause gab es dann einige Lücken im Publikum; vielleicht waren Alban Berg und Jörg Widmann für einen kleinen Teil dann doch zu "modern".

Am Ende jedenfalls großer Jubel und ein gelöster Daniel Barenboim, der fast jeden Musiker einzeln aufstehen ließ und seinen Blumenstrauß einzeln blumenweise an Orchestermitglieder verteilte. Irgendwie war das Gefühl zu vermuten, dass alle froh waren, zurück zu sein in Berlin.

Routinierte Nachtmusik

Die Idee, Wolfgang Amadeus Mozart "Kleine Nachtmusik" auf das Programm zu setzen, hatte ihren Reiz. So populär das Werk ist, so selten hört man es im Konzert. Nur macht das die Sache nicht unbedingt leichter.

Wenn man das aufführt, muss man es mit ein wenig Witz, Charme und Augenzwinkern garnieren. Hier jedoch klang es dick im Ton, unpräzise im Zusammenspiel, die lauten Stellen von den Streichern geradezu zersägt. So routiniert heruntergespielt hätte man es auch bleiben lassen können.

Neutralartikulation

Der Pianist Piotr Anderszewski, Solist im ersten Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven, ist ein Phänomen. Er verfügt über ein erstaunlich breites Repertoire. Bei Musik des frühen zwanzigsten Jahrhunderts scheint er geradezu aufzublühen; man denke an seine wunderbaren Aufnahmen der Werke von Karol Szymanowski. Andere Einspielungen und Aufführungen mit Musik aus Barock und Klassik haben weniger von diesem Reiz.

Und so hat man sich bei Beethoven in Anderszewskis Umsetzung leider entsetzlich langweilen müssen. Er hat das ganze Konzert auf zwei Spielarten reduziert: unscheinbare Weichheit und seelenlose Neutralartikulation. So kontur- und farblos, so nichtssagend hat man das lange nicht mehr gehört. Die Bestätigung kam mit der Zugabe: In dem kleinen Stück aus Leoš Janáčeks Sammlung "Auf verwachsenem Pfade" zeigte Anderszewski mehr Farben als im ganzen Beethoven-Konzert.

Eine Viertelstunde Vergnügen

Als Komponist wirkt Jörg Widmann mitunter wie ein großes Kind: Er spielt hemmungslos mit Klängen. In seinem Orchesterstück "Armonica" stellt er Akkordeon und Glasharmonika ins Zentrum, und der Rest des Orchesters imitiert gewissermaßen diese Klangvorgaben: das Sphärenhafte der Glasharmonika und die Luftspiele des Akkordeons.

Das weitet den Raum und verengt ihn wieder. Die sehr geschickt instrumentierte Partitur bereitet eine Viertelstunde Vergnügen. Es ist sicher nicht Widmanns tiefstgehendes Werk, aber Spaß gemacht hat es dem Orchester hörbar.

Finale mit Haltung

Hatte man bis hierher den Eindruck, als ob sich die Staatskapelle ein bisschen warmgespielt hatte, gab es dann mit den drei Orchesterstücken von Alban Berg ein wirkliches Finale. Berg hat dieses Werk am Vorabend des Ersten Weltkriegs komponierte, und es klingt so, als ob er sämtliche Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts vorwegnehmen würde.

Das hat Daniel Barenboim mit seiner Staatskapelle mehr als ernst genommen. Gleich am Beginn scheint es zu knarren und zu stöhnen, es folgen Reste von Unterhaltungsmusik, nur noch als Fetzen und Trümmer, und am Ende steht ein Marsch als Todesmarsch, als komponierter Horror. Alles, was vorher zu kurz kam, zeigte sich in dieser Idealaufführung: Klarheit, Übersicht, vor allem aber: eine Haltung zur Musik. In dieser Interpretation in beeindruckender Qualität konnte man die Fanfaren und Schläge der Musik wie durch ein Vergrößerungsglas mitverfolgen. Was vorher zu unbestimmt war, wuchs in diesem Werk zu einer beklemmenden Eindringlichkeit. Für diese Aufführung hat sich der Besuch gelohnt.

Andreas Göbel, kulturradio

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