"Alles muss glänzen"; © Katarina Ivanisevic
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Theater am Kurfürstendamm - "Alles muss glänzen"

Bewertung:

Der ganze Abend ertrinkt in Harmlosigkeit – das Stück selbst hat mehr zu bieten.

Maria Furtwängler, die Hannoveraner Tatort-Kommissarin, ist eine der bekanntesten Fernseh-Schauspielerinnen Deutschlands. Am Samstag war sie nun zum ersten Mal in einer Hauptrolle auf der Bühne zu sehen: Im Theater am Kurfürstendamm spielt sie in Noah Haidles Stück "Alles muss glänzen" die 1950er-Jahre-Hausfrau Rebecca, die alles dafür tut, ihre Familie am hübsch gedeckten Tisch zu versammeln – während draußen die Sintflut tobt.

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Anna Stieblich, Maria Furtwängler; © Katarina Ivanisevic | Bild: © Katarina Ivanisevic

Immenser Druck

Auf dieser Premiere in der Regie von Ilan Ronen lag immenser Druck: Vorab waren unzählige Berichte über die "beliebteste Fernsehschauspielerin" erschienen, die im "besten Stück des Jahres" spielt (dazu ist der Text von Noah Haidle 2015 von der Zeitschrift "Theater heute" gewählt worden). Auch Maria Furtwängler selbst machte kein Geheimnis daraus, welche Herausforderung diese Rolle für sie ist, wie viel Text man lernen müsse, wie aufgeregt sie vor dem Live-Auftritt sei. Bei der Premiere saßen dann unzählige Promis im Publikum: Ursula von der Leyen war da, viele Fernsehschauspieler und natürlich Furtwänglers Ehemann Hubert Burda.

Rummel und Vorschusslorbeeren

Trotz des ganzen Rummels und der Vorschusslorbeeren: Es war deutlich spürbar, dass hier jemand zum beinahe ersten Mal auf der Bühne steht. Maria Furtwängler versucht, ihre Figur psychologisch realistisch anzulegen – doch Haidles Stück ist eine Groteske. Im amerikanischen Original heißt es "The Homemaker", ein viel treffenderer Titel. Rebecca, die Hauptfigur, ist eine dieser amerikanischen Hausfrauen, die man aus der Werbung der 1950er Jahre kennt: Mit perfekt sitzendem Make-up und High-Heels bereitet sie das Abendessen zu, auch, wenn die Welt untergeht. Draußen tobt die Sintflut, die Apokalypse ist nah – doch Rebecca nimmt es ganz pragmatisch und verdrängt den Rest. Sie schnappt sich einen Fisch, der am Fenster vorbei schwimmt und haut ihn in die Pfanne. Sie deckt den Tisch für vier – dabei ist ihr Mann schon seit einem Jahr auf und davon, um "sein Glück zu suchen", und ihr schizophrener Sohn ihm hinterher.

Jeder Pointe ausgewichen

Der Text wird immer bizarrer: Rebeccas beste Freundin kommt vorbei und erwähnt nach ewigem Klatsch und Tratsch ganz nebenbei, dass ihr Mann tot ist – was Rebecca trocken quittiert: "Tja, du warst immer zu gut für ihn". Diese Freundin erschießt sich dann mal eben im Badezimmer – und Rebecca versucht, es mit Hemdenbügeln zu verdrängen. Das Date ihrer Tochter wird in der Flut vom Hai angeknabbert – und Rebecca macht selbst daraus einen romantischen Moment: Ihre Tochter soll sich von dem Toten noch den ersten Kuss schenken lassen. Das ist richtig böse und hoch komisch – aber Maria Furtwängler spielt vollkommen ernst und schafft es, jeder Pointe auszuweichen, die da fett auf dem Weg liegt.   

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Daniel Mühe und Maria Furtwängler; © Katarina Ivanisevic | Bild: © Katarina Ivanisevic

Blasse Stichwortgeberin

Das ist so auffällig, dass man sich schon fragen darf, ob ein Konzept dahinter steht. Ob der israelische Regie-Altmeister Ilan Ronen, der mit seiner Inszenierung von Tracy Letts' "Eine Familie" am Theater am Kurfürstendamm 2015 einen schönen Erfolg feierte, ganz bewusst mehr Realismus spielen lässt, als das Stück vorsieht. Aber so ganz kann das nicht einleuchten – schließlich sind es lediglich Maria Furtwängler und Daniel Mühe (als ihr Sohn), die hier die Psychologie ihrer Figuren ganz ernsthaft ausloten möchten.

Die anderen spielen Komödie. Vor allem Jerry Hoffmann als Freund der Tochter und als Zeuge Jehovas, der plötzlich vor der Tür steht, gibt Slapstick und spielt sich an die Rampe. Maria Furtwängler sieht dabei zu – und obwohl ihre Figur das Zentrum dieses Stücks bildet, wird sie mehr und mehr zur blassen, hölzernen Stichwortgeberin. Vielleicht kann die Routine hier noch etwas bewegen, wenn sich die Aufregung nach den ersten Vorstellungen gelegt hat – momentan ist bei Furtwängler mehr steife Pflichterfüllung als Spielfreude zu erkennen. Ilan Ronen kann die Schauspieler nicht zu einem gemeinsamen Spiel vereinen.

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Maria Furtwängler, Jerry Hoffmann, Sarah Alles; © Katarina Ivanisevic

Hübsch – aber vollkommen harmlos

Auch beim Bühnenbild hätte man sich Größeres, Groteskeres vorstellen können. In Haidles Stück dringt die Flut ins Haus, der Sohn schwimmt im Bauch eines Wals zur Tür herein, der Text strotzt vor biblischen Metaphern. Auch wenn man wohl kaum einen Wal auf die Bühne legen kann, so darf man das Maßlose des Textes, die greifbar nahe Apokalypse, die Rebecca schlicht nicht wahr haben will, doch nicht zur simplen Dusche vor der Haustür verzwergen, wie es hier der Fall ist. Das Interieur besteht aus einer farbenfrohen, blitzeblanken 1950er-Jahre-Küche, in der eines dieser riesigen, nostalgischen Radiogeräte steht. Das ist ganz hübsch – aber vollkommen harmlos. Wie auch der ganze Abend in Harmlosigkeit ertrinkt. Das Stück selbst hat mehr zu bieten.

Barbara Behrendt, kulturradio

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