Semianyki; Foto: © Maria Mitrofanova
Maria Mitrofanova
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Tipi am Kanzleramt - "Semianyki – die Familie"

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Skurrile Punk-Clowns mit schnellem Slapstick: Eine Generation junger russischer Clowns überschreitet die Grenzen des Absurden!

Die russische Kompanie Semianyki – was so viel bedeutet wie "Familienbande" oder "bei Familiens" – jagt das Publikum mit wild-chaotischer Situationskomik durch ihren verrückten Familienalltag.

Die Semianyki, das sind sechs skurrile Gestalten: Vater, Mutter und vier Kinder. Allesamt mit weißen Gesichtern und großen schwarzen Brillen. Die Kinder, mit verstrubbelten Punkfrisuren, sind das lebendige Chaos. Die Mutter ist ein herzlicher Drache, mit dickem Po und Bauch – zum fünften Mal schwanger. Der Vater: ein gutmütiger Trottel mit Schnapsnase.

Auch wenn die dicke rote Nase fehlt und der Clownsmund wie mit Lippenstift hingeschmiert wirkt, sind die sechs echte Clownsfiguren. Sie dürfen absurdesten Blödsinn machen, dürfen schadenfroh und gemein sein und dabei alle Grenzen des Normalen überschreiten.

Dabei wird keine zusammenhängende, tiefgründige Geschichte erzählt. Eher werden Alltagssituationen in kleinen, schnellen Episoden präsentiert – absolut überspitzt, grotesk, manchmal auch makaber. Das Lachen bleibt immer mal wieder im Halse stecken, um dann wieder unbekümmert loszubrechen.

Semianyki; Foto: © Maria Mitrofanova
Semianyki; © Maria Mitrofanova

Trampel mit Herz

Zentrale Figur ist die Mutter, mit ihrer Sehnsucht nach großer Liebe, zwischen Wäsche und kreischenden Gören. Sie ist eine Art "Trampel mit Herz": rüttelt ihr Baby mehr in den Schlaf, als dass sie es wiegt. Und sie ist heilfroh, wenn die Kinder alle schlafen, sie sich in ihren Pelz und rosa Schal wickeln und mit wackelndem Po, ihren Mann im Schlepptau, abziehen kann.

Der  Vater liest am liebsten im Schaukelstuhl Zeitung und trinkt seinen Wodka. Das tut er zum Teil unter absurdester Akrobatik, wenn seine Kinder ihn beispielsweise mal wieder an einen Ski-Stock gefesselt haben.

Die vier Kinder sind echte kleine Fieslinge: quälen sich gegenseitig, versuchen Gliedmaßen abzusägen oder zerstückeln ihre Puppen, die dann wie Zombies wild zu tanzen anfangen.

Irre Grimassen

Das Ganze geschieht in einem wilden Tempo, mit erstaunlich vielen Einfällen, exakt durchdachter Choreografie und ganz ohne Worte. Die Musik reicht von Zwanzigerjahre-Schlagern bis Techno, immer zwischen Nostalgie und dem Heute, genauso die Figuren und das Bühnenbild. Mimik und Gestik der Clown-Familie sind genauestens auf Geräusche und Musik abgestimmt.

Sie schneiden die irresten Grimassen und wechseln unfassbar schnell den Gesichtsausdruck: von liebevoll säuselnd, über genervt bis hin zu sadistisch und grausam.

Keine Angst!

Die Clown-Kompanie heißt genau wie ihr Stück Semianyki und es sind alles Absolventen des renommierten Sankt Petersburger Teatr Licedie, eine Art alternatives Clown-Theater, das in den Sechzigerjahren von Slava Polunin gegründet wurde. Der ist inzwischen ein "Altmeister" der Clown-Kunst und tourt durch die ganze Welt.

Polunin hat gesagt: Gute Clowns sind die, vor denen Kinder keine Angst haben. Und obwohl die Semianyki auch manchmal gemein und grausam sind, so scheinen sie doch gute Clowns zu sein, denn die Kinder im Publikum haben laut gelacht und sich nicht unter dem Stuhl verkrochen.

So poetisch-melancholisch wie Slava Polunin sind sie nicht, dafür sehr schnell, und spielerisch. Sie verstehen es auch exzellent das Publikum einzubinden und zu improvisieren. Sie beherrschen die Clown-Kunst allemal, das ist deutlich zu spüren.

Manchmal wäre allerdings ein bisschen weniger mehr. Es fehlen die poetisch-melancholischen Momente – die gehen ein wenig im hektischen Trash-Chaos unter.

Frauke Thiele, kulturradio

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