kulturradio-Motiv: Schnecke_Mund; Bild: rbb
Download (mp3, 4 MB)

Volksbühne Berlin - "Lear"

Bewertung:

Kein schöner Abend, aber ein in vielfacher Hinsicht anregender, nie langweilig, gern irritierend. Und Irritation ist nicht das Schlechteste, was Kunst auslösen kann.

Es ist - nach einem Vierteljahrhundert - die letzte Spielzeit von Regisseur Frank Castorf als Intendant der Volksbühne Berlin. Zum Finale hat er noch einmal viele Weggefährten um Inszenierungen gebeten. Nun auch Silvia Rieger. Sie war nicht nur lange Castorfs Lebensgefährtin, sie war über Jahre auch eine seiner wichtigsten Schauspielerinnen. Sie hat nun eine Bearbeitung von Shakespeares "King Lear" herausgebracht - als Regisseurin und mit sich in der Titelrolle.

Eine Verbeugung vor dem jungen Castorf

Klar: Silvia Riegers Shakespeare nutzt das berühmte Stück, um die Situation an der Volksbühne, die von Frank Castorf selbst, zu beleuchten. Der Abend wirkt wie eine Verbeugung vor dem jungen Castorf. Silvia Rieger feiert seine frühen Ideen: Stückzertrümmerung, Effektsucht um jeden Preis, Einbeziehung von Texten anderer Autoren – vorzugsweise Heiner Müller –, um überdeutlich Gegenwartsbezüge herzustellen.

Shakespeares "Lear" ist da im Kern erhalten – die Geschichte vom Alten, der einerseits nicht loslassen kann, der sein Erbe andererseits an Schönredner, an Halunken vergibt, die sich nur durch eins auszeichnen: Hass auf alle, die ihnen nicht nach dem Munde reden, auf alles, was ihnen nicht passt – und dagegen gehen sie nicht allein in brutalen Worten, sondern auch mit gewaltgeprägten Taten an.

Kein gefälliges, kein schönes Theater

Silvia Riegers Regie zeichnet sich aus durch die Lust, ganz wie Frank Castorf, alles zu bieten, nur kein gefälliges, kein schönes Theater. Sie will verstören, um sich mit einer Welt auseinanderzusetzen, die viele als verstörend empfinden. Da wird viel gebrüllt und gestampft, was allerdings die leisen Szenen umso wirkungsvoller erscheinen lässt. Gespielt wird übrigens auf fast leerer Bühne, das Wort steht im Zentrum. Und da gibt sie uns, dem Publikum, einige Nüsse zu knacken.

Leider hat sie sich mit einem Element etwas verhoben: Sie will – neben der Auseinandersetzung mit Shakespeare und der Wirkung von Kunst – auch die Illusionsmaschinerie des Theaters bloß legen. Das ist zu viel des Guten.

Wobei Silvia Rieger an einem keinen Zweifel lässt: Sie glaubt nicht daran, dass Theater die Welt verändern kann. Obwohl: Am Ende legt sich unschuldig weißer Schnee über das Schlachtfeld, auf dem zuvor zwei Stunden lang alle Menschlichkeit gemeuchelt worden ist – und lässt immerhin Hoffnung zu, dass die Kunst doch immerhin ein paar kluge Gedanken in die Welt setzen kann.

Ein guter Eindruck vom Nachwuchs

Silvia Rieger hat auch die Titelrolle gespielt. Mit Fortune! Sie ist ganz Diva, im Glitzeranzug, mit sichtbar falschem Bart. Sie spielt manieriert, kunstgewerblich übertrieben, doch das ist in sich völlig schlüssig und deshalb wirkungsvoll. Sie spricht nicht, sie schleudert die Worte ins Publikum – schlägt den Zuschauern sozusagen die Gedanken um Fragen der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des menschlichen Miteinanders um die Ohren. Sehr faszinierend.

Das Schauspiel-Ensemble um Silvia Rieger wird von Studentinnen und Studenten der Hochschule "Ernst Busch" in Berlin gebildet. Grande Dame und Jugend – das geht auf. Denn Silvia Rieger gibt den Studentinnen und Studenten genau so viel Raum und Entfaltungsmöglichkeiten wie sich selbst. Die jungen Leute dürfen die gesamte Palette ihres Könnens zeigen. Das tun sie mit Lust, mit spürbarer Spielfreude. Da hapert manches noch, ich rate einigen dringend zu mehr Stunden Sprecherziehung, doch insgesamt: ein guter Eindruck vom Nachwuchs. Fazit: Kein schöner Abend, aber ein in vielfacher Hinsicht anregender, nie langweilig, gern irritierend. Und Irritation ist nicht das Schlechteste, was Kunst auslösen kann.

Peter Claus, kulturradio

Weitere Rezensionen