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Admiralspalast - Max Raabe: "Das hat mir noch gefehlt"

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Raabe will nur singen, beißen will er nicht.

Verändert hat sich nicht viel im Lauf der Jahre. Warum auch? Die Kunstform des Stehsängers vor Orchester, die Max Raabe rehabilitiert hat, besaß von jeher etwas Starres, Einbalsamiertes, Konserviertes. Wobei die Fan-Gemeinde immer größer geworden ist. Raabe füllt regelmäßig die Berliner Waldbühne. Auch in der Carnegie Hall war er schon (allerdings nicht im Großen Saal). Sein Retro-Kult ist ein Rätsel von internationalem Format und drängender Unveränderlichkeit. So ist das bunt durchmischte Publikum selig, eben weil hier fast alles ist wie bisher.

Schlafzimmerblick als Esprit

Max Raabe war immer der Mann, der das Kunststück fertigbrachte, Stocksteifheit als gute Manieren auszugeben. Und einen Schlafzimmerblick als Esprit. Wie auf einer Schiene fährt er drei Schritte vor, wenn er auftritt, und drei Schritte zurück, wenn er wieder in den Stand by-Modus einrastet. Die Witze, die er aufsagt, sind sauber einstudiert. Meist ist die Ansage die ganze Conférence. Gesanglich bestand sein Trick stets darin, dass er Pomade auf die Stimmbänder auftrug. Sein Vorbild war erstaunlicherweise Dietrich Fischer-Dieskau (bei dem dies nicht der Fall war). Raabes Bariton geht gleitend über in eine leutselig durchfistelte "Voix mixte" – technisch gesehen eine Mischung aus Kopf- und Bruststimme. Woraus bei ihm eine höhere Form ironischer Blasiertheit folgt. Ein guter Sänger, und ein guter Entertainer auch, der aus gemessenen Mitteln ein Optimum macht.

Witzige Nummern

Nur scheinbar verändert hat sich sein Repertoire. Früher stand Raabe in dem Ruf, Schlager der 30er Jahre wieder gesellschaftsfähig zu machen. Heute reichen die Uraufführungsdaten der Werke, soweit er sie ansagt, betont nur bis 1932. Wofür ich dankbar bin in einem Saal wie dem Admiralspalast, wo schon ein altmodisches UFA-Mikrophon heikle politische Assoziationen weckt. Die Namen der Komponisten, etwa Fred Raymond, Nico Dostal oder Theo Mackeben, waren allesamt auch in der Nazi-Zeit aktiv. Raabes Pfund besteht in witzigen Nummern wie "Isabella von Kastilien" oder "Lieselott, du bist mein Fall, du singst wie eine Nachtigall": Titel allesamt, die mit einem unverwüstlichem Sepia-Ton schon auf die Welt gekommen sind.

Das Palastorchester, ein sauberes Dutzend, das auch schon mal zu Max Greger-Phonstärken aufdrehen kann, wirkt eigentlich wie eine Bar-Tanzkapelle; nur dass die Bar fehlt, und getanzt wird auch nicht. Jeder Musiker wird vom Chef, weil der ein netter Mann ist, gelegentlich für ein Solo ganz nach vorne geholt. Von Foxtrott bis Rumba, vom Schlager bis zum Pasodoble wird der Minimalismus als Purismus ausgegeben. Ich sehe voraus: Die werden das noch in 30 Jahren genauso machen.

Rühmann ein ruchloser Verführer

Wird es mir dann endlich auch gefallen? Das Problem besteht für mich im keusch Geschürzten, im vorsorglich angelegten Bruchband der Show. Es geht hier ständig um Liebesanbahnung (das ist auch der Sinn des Mottos: "Das hat mir noch gefehlt"). Und doch ist ganz klar, dass Max Raabes Verführungskünste immer nur bis "in die kleine Konditorei" führen werden, wo er sich bestenfalls zum Tee ein Stück Kuchen bestellen wird. Der Schlager der frühen 30er Jahre hatte aber nichts Beruhigendes. Sondern etwas erotisch Angriffslustiges, Zielbewusstes. Gegen Max Raabe war selbst Heinz Rühmann ein ruchloser Verführer. Raabe will nur singen, beißen will er nicht. Und das ist ein Missverständnis in der Sache.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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