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Berliner Ensemble - Werner Schneyder: "Das war's von mir"

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Eine Kabarett-Legende auf Abschiedstour: Das Multitalent Werner Schneyder, Kaberettist, u. a. im Duo mit Dieter Hildebrandt, daneben Autor, Regisseur, Boxreporter, Chansonnier und vieles mehr nimmt Abschied. Ein bewegender Abend.

Eine Art Bilanz ist es schon, gerade im Chanson-Teil nach der Pause sehr melancholisch. Man merkt aber auch, dass eine bestimmte Generation abtritt. Das klassische Kabarett, wo sich jemand hinstellt und die Welt erklärt, ohne Comedy – dagegen hat Schneyder eine Aversion – da wachsen nicht mehr allzu viele nach.

Man spürt das auch an manchem Beispiel. Wenn sich Schneyder über die Musikkritik lustig macht und ein Dutzend Pianisten erwähnt, ist auch das die ältere Generation. Da sind Argerich, Pollini und Barenboim noch die jüngsten – und die sind auch alle schon über 70.

Durch Schaden wird man reich

Wenn es um aktuelles politisches Kabarett geht, ist Werner Schneyder ganz der Alte und bissig wie eh und je. Zum Thema EU kritisiert er den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, der habe die EU nur benutzt, um den Großkonzernen das Steuernzahlen zu ersparen. Und "Merkel" definiert er als "Machiavelli auf deutsch".

Das geht bei Schneyder in gewohnt atemberaubenden Tempo mit gleichermaßen originellen wie bitterbösen Pointen. Wenn es um Waffenlieferungen ins Ausland geht, findet er die Definition: "Durch Schaden wird man reich; man muss ihn nur woanders anrichten."

Profit und Wachstum

Das Ganze ist bis zur Pause eine Art kabarettistischer Rundumschlag. Manche Dinge sind zeitlos geblieben. Wenn Werner Schneyder ein Couplet auf den Text "Solang der Profit euer einziger Gott ist, erübrigt sich jede Diskussion" singt, staunt man, dass das kein neuer Text ist, sondern einer von 1979.

Viele Themen sind ebenso allgemein und zeitlos, wenn er sich über Krisenmanager und Experten lustig macht oder über den Begriff des Sachzwangs spottet. Auch für diejenigen, die Wachstum als Allheilmittel anpreisen, hat er einen Kommentar: "Wachstum verhält sich zum Kapitalismus wie Absinth zur Säuferleber."

Kein Durchschnittswein

Die Chansons nach der Pause fallen erwartungsgemäß sehr viel wehmütiger aus. Werner Schneyder kann sich als Österreicher auch problemlos den fast schon klischeehaften landestypischen morbiden Schwermut erlauben. Da geht es um Kindheits- und Jugenderinnerungen, um Liebe oder um die schwere Zeit, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Die Zeit eben, die durch die Finger rinnt.

Er singt, besser: deklamiert, und bevor es allzu sentimental wird, bricht sein eigener Humor durch. In einem Chanson, in dem es um das letzte Glas Wein geht, findet sich ein Satz, den man sich merken sollte: "Mit einem Durchschnittswein macht das Sterben keinen Spaß." Recht hat er.

Genialer Begleiter

Mit Christoph Pauli hätte kein besserer Begleiter am Flügel sitzen können. Er kann die klassischen Stücke: ein Schubert-Impromptu in Rekordtempo oder den langsamen Satz aus Beethovens "Pathétique" mit Modulationen, die nicht von Beethoven stammen. Vor allem aber begleitet er die Chansons mit Brillanz und Leichtigkeit – er besitzt das Genie, mit ein paar Tönen Atmosphäre zu zaubern, es bei den Zwischenspielen ganz an sich zu ziehen und ein ganzes Orchester auf die Tasten zu bringen. Beeindruckend.

Das ist ein wunderbarer, wehmütiger Abend. Sicher kann man sagen, wenn jemand mit 80 langsam von der Bühne abtritt: Alles hat seine Zeit. Aber schade ist es dann doch. Werner Schneyder ist ein ganz Großer seiner Zunft. Man wird ihn irgendwann vermissen.

Andreas Göbel, kulturradio