Ulrich Matthes und Olivia Grigolli in "Tod eines Handlungsreisenden" © Arno Declair
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Deutsches Theater - Tod eines Handlungsreisenden

Bewertung:

1949 wurde das Theaterstück uraufgeführt, Volker Schlöndorff hat es 1985 mit Dustin Hoffman fürs Fernsehen verfilmt: Seit fast 70 Jahren schon ist  die Titelfigur in Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden", Willy Loman, das Synonym für den "kleinen Mann". Eine Premiere am Deutschen Theater.

Willy Loman und seine Familie können dem amerikanischen Traum bloß hinterher schauen wie einem längst abgedampften Zug. Regisseur Bastian Kraft macht aus dieser Tragödie nun ein Schattenspiel.

"Tod eines Handlungsreisenden" im Deutschen Theater © Arno Declair
"Tod eines Handlungsreisenden" im Deutschen Theater © Arno Declair

Riesenhafte Schattenrisse

Mehr oder weniger riesenhafte Schattenrisse an der Rückwand des gähnend weit aufgerissenen Bühnenraums illustrieren, dass die Lomans vor allem Projektionsflächen darstellen - für sich selbst und für einander - und dabei nie das richtige Maß finden: Mal tun sie sich groß, überhöhen Erinnerungen und Erwartungen, dann wieder machen sie sich unverhältnismäßig klein.

Die expressiven Schattenspiele ergeben ein schlüssiges Bild für diesen Schlingerkurs in Sachen Realitätsverweigerung. Aber um den Abend zu tragen, erweist sich diese zentrale Inszenierungsidee am Ende als zu wenig komplex und wird auch nicht weiter entwickelt.

Benjamin Lillie, Olivia Grigolli, Camill Jammal in "Tod eines Handlungsreisenden" © Arno Declair
Benjamin Lillie, Olivia Grigolli, Camill Jammal in "Tod eines Handlungsreisenden" ©Arno Declair

Die Mechanik menschlicher Beziehungen

Im Übrigen geht Regisseur Bastian Kraft behutsam mit dem Stück um. Er hat es geschickt gekürzt, nicht aktualisiert, aber Zeitbezüge weitestgehend in einer diffusen "Retro"-Atmosphäre neutralisiert. Die Beerdigung Willy Lomans steht am Anfang, so dass das ganze Stück als Rückblende erscheint. Doch was verleiht ihm heute noch Relevanz?

Millers Text hat einigen Staub angesammelt, doch ist er immer da von großer Kraft, wo er schonungslos die Mechanik menschlicher Beziehungen offenlegt: Wie Vater Loman beispielsweise seinen Sohn Biff als Stellvertreter zu instrumentalisieren versucht, der erreichen soll, was er nicht erreicht hat im Leben, und wie Biff wiederum diesen Erwartungen gerecht werden will, aber nicht kann, und die permanente Enttäuschungsschleife, in der beide gefangen sind, zu Verletzung und Aggression führt - das ist vollkommen zeitlos. Und es schreit eigentlich nach Kammerspiel.

Hier aber, auf dieser großen, fast leeren Bühne, verlieren sich die dafür nötigen Feinheiten. Die Schauspieler sprechen zwar wie im psychologischen Drama, doch sie sprechen mehr ins Publikum als zueinander - was vielleicht auch der schwierigen Akustik des halligen Bühnenraums geschuldet ist.

Ulrich Matthes und Harald Baumgartner in "Tod eines Handlungsreisenden" © Arno Declair
Ulrich Matthes und Harald Baumgartner in "Tod eines Handlungsreisenden" © Arno Declair

Ein graues windschiefes Männchen

Ulrich Matthes spielt diesen Willy Loman als graues, windschiefes Männchen: Ein Vertreter von der traurigen Gestalt, ein bisschen müde, ein bisschen verzweifelt, ein bisschen wütend - eine Figur ohne rechte Intensität, gespielt ohne rechte Intensität. Auch die übrigen Darsteller wirken eher gebremst und gewinnen ihren Figuren keine ungewohnten Facetten ab.

Am ehesten noch hat sich Benjamin Lillie als Biff einen Schuss Lebendigkeit bewahrt. Am Ende erscheint die Inszenierung vor dem großen Schatten dieses berühmten Stücks eher klein - mit einigen berührenden Momenten, solide, aber irgendwie indifferent.

Silke Hennig, kulturradio

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