Pierre Boulez Saal: Daniel Barenboim im Saal; © Carsten Kampf
Carsten Kampf
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Pierre Boulez Saal - Daniel Barenboim spielt Klaviersonaten von Franz Schubert, Teil 3

Bewertung:

Lange hat sich Daniel Barenboim mit den Klaviersonaten von Franz Schubert Zeit gelassen und sie erst vor kurzem auf CD aufgenommen. Jetzt spielt er sie als Zyklus im Pierre Boulez Saal.

Der neu eröffnete Pierre Boulez Saal in Berlin scheint eine sehr uneinheitliche Akustik zu besitzen – je nach Platz im Publikum. Wirkte es vom Parkett aus – auch bei Daniel Barenboim und Schubert an der Seite von Christian Gerhaher mit der "Winterreise" – sehr dicht und direkt, fast wie im Aufnahmestudio, aber sehr klar, ergab sich vom geschwungenen Rang, der ein bisschen an eine erstarrte doppelte La-Ola-Welle erinnert, ein ganz anderer Eindruck.

Im Rang kam ein sehr unausgeglichener Klavierklang an. Der Bass zu gewaltig, der Diskant dünn und verklimpert. Nach der Pause wurde der Flügel gedreht, damit in dem runden Saal alle etwas von Barenboim hatten, und hinter dem Flügeldeckel verstärkte sich dieser problematische Eindruck noch.

Gestrichene Unendlichkeit

Daniel Barenboim kennt die verschiedenen Facetten der Schubert-Sonaten. Die Einflüsse Wiener Tanzmusik, die endlosen Fortspinnungen mit dem Eindruck aufgehobener Zeit, aber auch die Kehrseite: die brutalen Abbrüche, Einbrüche und Abgründe, die Fahlheit und Kargheit, so dass man Schubert versteht, wenn er in Zweifel gezogen hat, dass es überhaupt fröhliche Musik geben könne.

Warum war davon aber bei Daniel Barenboim nur in Ansätzen zu hören? Allein schon die Tatsache, dass er sämtliche langen Wiederholungen gestrichen hat, verwundert. Denn diese Form der Unendlichkeit gehört untrennbar zu Schubert.

Kontrastprinzip

Dieser Sonatenzyklus wird nicht chronologisch präsentiert. Daniel Barenboim hat bei seinem dritten Konzert ganz auf das Kontrastprinzip gesetzt: eine freundliche Sonate gegen die wohl düsterste und schockierendste, dazu dann eine Sonate voller Überschwang, wenngleich es auch hier rasch ins Gegenteil umschlägt.

Das ist eine sehr kluge Zusammenstellung, nur muss man das dann auch präsentieren. Die Es-Dur-Sonate, durchaus ein heiteres und entspanntes Werk, blieb dann doch zu sehr an der Oberfläche. Barenboim ist ein Interpret, der oft ganz aus dem Augenblick zu entscheiden scheint, wie er Details gestaltet, hat außer nett und freundlich wenig gefunden.

Schock-Momente

Wie Barenboim unvergleichliche Momente zu gestalten weiß, hat er punktuell in der a-Moll-Sonate (D 784) unter Beweis gestellt. Wenn er das Anfangsthema so fahl spielt, dass man das Gefühl hat, es habe sich tief im Flügel verkrochen und man den Atem anhält, wie es weitergeht, zeigt sich darin die Meisterschaft des Pianisten.

Dass der langsame Satz dann eher unverbindlich runtergespielt wurde und die Schock-Momente im Schluss-Satz kaum mehr als Brutalität zu bieten hatten, dass in der Pause sogar der Klavierstimmer kommen musste – das ist dann leider die Kehrseite gewesen.

Eine Viertelstunde grandioser Schubert

Die Sonate in D-Dur ist technisch und pianistisch eines der heikelsten Werke von Schubert. Hier musste Daniel Barenboim phasenweise seine ganze Konzentration auf die Umsetzung verwenden – nur teilweise mit Erfolg: Im langsamen Satz verließ ihn sein Gedächtnis, und er musste taktelang improvisieren, um wieder hineinzukommen. Hat sich Barenboim im März zu viel zugemutet – erst die anstrengende Eröffnungswoche des Pierre Boulez Saals – und dann dieses ungeheure Schubert-Projekt?

Schade ist es in jedem Fall, denn in den Momenten, in denen Barenboim die Sicherheit zurückgewonnen hatte, beeindruckte er mit tiefgründigen Dimensionen, wie man sie selten erlebt: auf der einen Seite Anklänge an Caféhausmusik, dagegen dann die gigantischen Ausbrüche, wenn aus dem Flügel ein ganzes Orchester zu quellen scheint, dass der Saal dafür fast zu klein ist. In dieser Viertelstunde hat Daniel Barenboim angedeutet, dass er in Sachen Schubert etwas zu sagen hätte. Leider nur da.

Andreas Göbel, kulturradio

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