Deutsche Oper Berlin - Death in Venice mit Paul Nilon (Gustav von Aschenbach), Seth Caricio (Der Reisende / Alter Geck / Alter Gondoliere / Hotelmanager / Frisoer /Vorspieler / Stimme des Dionysos), Tai Oney (Apollo), Lena Natus (Die polnische Mutter), Rauand Taleb (Tadzio); © Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
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Deutsche Oper Berlin - "Death in Venice"

Bewertung:

Die Oper nach der Novelle von Thomas Mann war Brittens letzte und persönlichste. Über 40 Jahre nach der Deutschen Erstaufführung bringt Donald Runnicles dieses Werk nun erneut an das Berliner Opernhaus, inszeniert von Graham Vick.

Oft gesehen habe auch ich das Werk nicht – hatte es aber dröger in Erinnerung. Welche Belebung ich als Verdienst des Dirigenten Donald Runnicles werte. "Death in Venice" gilt als eines der vernachlässigten, angezweifelten Hauptwerke von Benjamin Britten. Das hat vermutlich damit zu tun, dass es meist immer noch andere Werke dieses Komponisten gibt, die für dankbarer gelten (vor allem "Peter Grimes" und "Billy Budd"). Auch in die Deutsche Oper, wo 1974 die Deutsche Erstaufführung stattfand (mit Donald Grobe als Aschenbach), kehrt es wohl nur aufgrund des Britten-Zyklus’ zurück – an vierter Stelle.

Möglicherweise soll später noch "A Midsummer Night's Dream" folgen, wie GMD Runnicles kürzlich durchblicken ließ. Da ist nun allerdings "Death in Venice" immer noch die stärkere Wahl.

Auch gute Ideen

Graham Vick, zuletzt als "Tristan"-Regisseur an der Deutschen Oper eher umstritten, gehört zur mittleren Lage gutgebuchter Regisseure, der gerne auf Problemfälle losgelassen wird. Auch hier. Er verzichtet auf jegliche Venedig-Anspielungen – was ich, da es ein vorhersehbarer Reflex heutiger Regisseure ist, als armselig empfinde.

Auch erzählt Vick den Niedergang Aschenbachs aus der Rückblende von dessen Trauerfeier heraus, vor frühlingsgrüner Einheitstapete. Eine faule Lösung! Denn so mogelt man sich um die 16 Szenenwechsel herum, sogar um den Tod des Protagonisten. Der geht nur einfach aus dem Saal.

Vick setzt allerdings auch gute Ideen in die Tat um. Vor allem die, dass Seth Carico in den vielen Rollen als Gondoliere, Straßensänger, Coiffeur etc. jedes Mal im selben, schwarzen und hautengen Muscle-Shirt gleichsam den Mephisto der Geschichte gibt. Da es in Thomas Manns Vorlage schließlich darum geht, dass ein Künstler der Verführung eines Jünglings nachgibt und dadurch den Tod erwählt, ist das, wie ich meine, gut gedacht.

Mit freiem Oberkörper

Beide Hauptrollen sind idiomatisch besetzt. Wobei mir Paul Nilon als Aschenbach mit seinem britischen Charaktertenor für die lange Rolle zu wenig charismatisch rüberkommt. Seth Carico stiehlt ihm die Show. Beide werden oft von einer überaus engagierten Crew von Tadzio-Freunden umsprungen, gerne mit freiem Oberkörper. Ob das Ganze derart als "Knabenfreigehege" inszeniert werden muss, scheint mir fraglich.

Runnicles dirigiert farbig und mit Schmackes, so dass die Kammerbesetzung des Werkes kaum noch auffällt. Er wagnerisiert mal wieder, aber das nützt den köstlichen Harfen- und Glockenspiel-Lyrismen sowie den auratischen Bläserflauten des Werkes durchaus. Es ist der bislang beste Britten-Abend in dieser Serie.

Deutsche Oper Berlin - Death in Venice mit Paul Nilon (Gustav von Aschenbach), Seth Caricio (Der Reisende / Alter Geck / Alter Gondoliere / Hotelmanager / Frisoer /Vorspieler / Stimme des Dionysos), Tai Oney (Apollo), Lena Natus (Die polnische Mutter), Rauand Taleb (Tadzio); © Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
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Ich gestehe, dass ich von einem dramaturgisch ambitionierten Haus wie der Deutschen Oper erwarten würde, dass sie zumindest den Titel der Vorlage im Programmheft richtig zitiert. Diese heißt nicht "Tod in Venedig" (das ist nur der Titel des Films von Luchino Visconti). Sondern: "Der Tod in Venedig". Das ist ein Unterschied, denn mit dem Doppelsinn ist die Cholera in Venedig gemeint.

Die lustigste Pointe des Abends besteht darin, dass der adorierte Tadzio fast haargenau so aussieht wie der junge Franz Kafka. Ob diese Pointe in ihrer Bosheit allerdings beabsichtigt ist? Wohl nicht.

Kai Luehrs Kaiser, kulturradio

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