Deutsches Theater Berlin, Aussenfassade © imago/Steinach
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Deutsches Theater - "Niemand"

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"Kasimir und Karoline", "Geschichten aus dem Wiener Wald", "Glaube, Liebe, Hoffnung" – das sind die zeitkritischen Volksstücke, die wir alle von Ödön von Horváth kennen. Vor zwei Jahren dann die Sensation: Bei einer Auktion in Berlin tauchte ein unbekanntes, frühes Horváth-Drama auf, das der Autor mit 23 Jahren geschrieben hatte.

Es trägt den Titel "Niemand" und war nach einer Verlagspleite zuerst in der Versenkung verschwunden und dann in der Bibliothek eines Sammlers versteckt gewesen. 2016 wurde es in Wien uraufgeführt – ganze 92 Jahre nach seiner Entstehung. Am Deutschen Theater in Berlin hat Dušan David Pařízek die Deutsche Erstaufführung inszeniert.

Der "große Horváth" ist der Autor mit seinen 23 Jahren noch nicht – und doch ist vieles schon angelegt, was einem in den späteren Texten wiederbegegnet. Das Stück spielt im Treppenhaus eines eher ärmlichen Wohnhauses, unten ist die Schänke, daneben wohnt die Hure, weiter oben ein mittelloser Künstler – alles einfache Leute.

Dieses Figurenpanorama ist bekannt aus den "Geschichten aus dem Wiener Wald" oder dem Roman "Der ewige Spießer". Aber von der lakonischen Präzision der späteren Stücke ist Horváth hier noch weit entfernt. Er verliert viele Worte und lässt sage und schreibe 24 Figuren auftreten.

Wie ein Reigen gebaut

Zudem spürt man den jugendlichen Furor des Debütanten: Das Stück soll Krimi sein, Tragödie und Liebesgeschichte, es soll Sozialkritik sein und gleichzeitig ein pathosgeladenes Aufbegehren gegen Gott. Die Figuren sind hier noch expressionistisch zugespitzt, eher holzschnitthaft, und weniger sozial und sinnlich greifbar als in Horváths Volksstücken.

Der "Niemand" aus dem Stücktitel ist die zentrale Leerstelle im Text, um die alle Figuren kreisen. "Niemand" kann hier "Gott" heißen, kann das Schicksal sein, die Willkür, der leere Himmel. Niemand hat an allem Schuld: Niemand hat den Krug umgeworfen, dessentwegen die Kellnerin gefeuert wird. Niemand ist dafür verantwortlich, dass der Wucherer, dem das Haus gehört, verkrüppelt auf die Welt gekommen ist.

Ganz konkret handelt das Stück von einem Wucherer mit dem sprechenden Namen Fürchtegott Lehmann. Er ist ein Tyrann, der alle Mieter aus Rache für seine verkrüppelten Beine unterjocht hat. "Alle Beine wurden mein", sagt er einmal. Dann aber lernt er Ursula kennen, die geschasste Kellnerin, die so verzweifelt ist, dass sie bei der Prostituierten im Erdgeschoss anheuern will. Fürchtegott verliebt sich in sie und will für sie ein besserer Mensch werden. Als er aber merkt, dass Ursula ihn nur aus Angst vor dem Verhungern geheiratet hat und sich eigentlich vor ihm ekelt, wächst sein Zorn gegen "Niemand", also gegen Gott, ins Gigantische.

Gerade dann kommt auch noch sein gesunder Bruder Kasper nach zehn Jahren zurück – und ausgerechnet in ihn verliebt sich Ursula.

Das Stück ist wie ein Reigen gebaut, eine Art Totentanz. Alle Figuren kreiseln wie auf einem Schicksalsrad, und wenn sie herunterfallen, steht schon der Nachfolger bereit. Sobald die Kellnerin gekündigt wird, ist schon ihre Doppelgängerin zur Stelle. Sobald die Hure Gilda ins Gefängnis muss, rückt schon die nächste Gilda nach.

Eigene Fassung

Da die Zuschauer in Deutschland das Stück zum allerersten Mal auf der Bühne sehen, läge es nahe, es mehr oder weniger texttreu zu inszenieren. Doch Dušan David Pařízek nutzt das Stück eher wie einen Steinbruch. Zwei Drittel der Figuren hat er gestrichen und deren Texte zum Teil auf andere Personen verteilt. Vor allem aber hat Pařízek große Passagen aus späteren Dramen und Romanen von Horváth eingefügt. Dem Stück traut der Regisseur also nicht besonders viel zu und präsentiert deshalb eine ganz eigene Fassung. Die Figuren möchte er aus ihren kargen Konturen herausholen, sie sozial und sinnlich stärker aufladen, und damit zeigen, welche Horváth-Eigenschaften schon in ihnen stecken.

Mehr Patos

Doch er stört damit die Mechanik des Stücks. Der Reigen wird ständig unterbrochen durch zusätzliche Horváth-Texte, die die Figuren als Monolog an der Rampe abliefern. Pařízek wandert in andere Gefilde, während man als Zuschauer noch dabei ist, das neue Stück überhaupt zu verstehen. So bringt er einen ständig auf Distanz zu den Figuren. Auch durch deren Spiel: Die Schauspieler stehen in Anzügen aus den 20er Jahren auf einem braunen Dielenboden, alle sind stets auf der Bühne, schauen sich zu und unterbrechen sich. Spannend wird es aber immer dann, wenn die Darsteller ganz in ihre Rollen schlüpfen.

Marcel Kohler etwa, dieser schlaksige Zwei-Meter-Mann, spielt den verkrüppelten Fürchtegott mit so viel Selbsthass, Narzissmus und Verzweiflung, dass seine Hoffnung auf Liebe einen richtig trifft. Von solchen Figuren, auch von ihrem Pathos, das nun einmal im Stück steckt, hätte man mehr sehen wollen. Weniger Literaturseminar für Horváth-Kenner, mehr Abtauchen ins Spiel – das wäre schön gewesen.

Barbara Behrendt, kulturradio

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