"Affinity" ©Hannah Dougherty
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FRATZ-Festival - "Affinity"

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Bei Kindertheater denkt man zuerst an Ronja Räubertochter oder Pinocchio – zumindest an verkleidete Schauspieler auf der Bühne, die Schulkindern eine spannende Geschichte erzählen. Weltweit gibt es aber immer mehr "Theater für die Allerkleinsten": Theater für Menschen ab zwei Jahren, mittlerweile werden sogar Inszenierungen für Babys ab drei Monaten produziert. Das internationale FRATZ-Festival in Berlin wird für eben diese allerjüngsten Zuschauer veranstaltet.

Doch was kann man kleinen Kindern auf der Bühne erzählen, die noch schwer einer längeren Geschichte folgen oder eine Stunde still sitzen können? Prinzipiell gilt: Kunst (und so eben auch Theater) hat keine Altersbeschränkung. Ein Theater, das Kleinkindern gefällt, sieht nur ganz anders aus – es besteht in den meisten Fällen nicht aus stringenten Geschichten, sondern aus sinnlichen Erfahrungen. Es wird darin viel mit Klängen, mit Musik, Farben, Tanz, mit Schatten und Licht experimentiert.

Es steht zum Beispiel eine Inszenierung über Dunkelheit auf dem Programm. In "Nero" strahlen die Performer ihre bunten Pailletten-Oberteile im Dunkeln mit einer Taschenlampe an. Das gibt tolle Lichtbrechungen und lässt die Zuschauer in eine vollkommen andere Welt gleiten. Gerade weil das Theater für ganz kleine Kinder so abstrakt und offen ist, gleichzeitig so sinnlich und an der ästhetischen Erfahrung interessiert, ist es auch schön für Erwachsene.

Eine neue Welt erkunden

Das Theater für Babys sieht wieder etwas anders aus. Kinder von drei, sechs, zwölf oder 18 Monaten haben kaum einen Gewinn, anderen Menschen passiv bei etwas zuzuschauen – sie wollen vor allem anfassen, mitmachen, krabbeln. Deshalb sitzen bei Aufführungen für diese Zielgruppe die Eltern mit ihren Kindern oft in der Mitte des Raums und werden Teil dessen, was um sie herum passiert.

Das Setting mag einem ähnlich erscheinen wie in einer Krabbelgruppe. Manches, das gemeinsam mit Babys auf einer Bühne geschieht, kann vermutlich ebenso im heimischen Wohnzimmer stattfinden – genauso wie das Sich-Verkleiden und das Theaterspielen. Das "Theater für die Allerkleinsten" hat stets zum Ziel, kleine Kinder in ihrem Tempo eine ästhetische Erfahrung machen, eine neue Welt erkunden zu lassen – ohne, dass Erwachsene dabei Dinge vorschnell erklären, einordnen, benennen.

Wann fängt die Geschichte an...

Bei der Stockholmer Produktion "Sensescapes" also "Sinnenlandschaften", die ebenfalls beim Festival zu sehen sein wird, liegt beispielsweise ein großes Tierfell in der Mitte. Darunter bewegen sich Tänzer, sodass sich dieses Fell magisch hebt und senkt. Darüber hängt eine Art Spinnennetz aus Wolle bis fast auf den Boden herab – man kann es anfassen und erkunden. Skandinavische Länder haben schon eine längere Erfahrung mit dem "Theater von Anfang an", in Deutschland ist man hier eher Nachzügler.

Eröffnet wurde das FRATZ-Festival mit "Affinity" von Alfredo Zinola, eine Produktion vom "Theater o. N.", dem Berliner Festivalveranstalter. Ausgerechnet diese erste Produktion, die vorher als "Highlight" beworben worden war, blieb dann eher spröde. In Strümpfen sitzen die Zuschauer etwa zu zehnt auf kleinen Holzinseln, um sie herum bewegen sich drei Schauspieler.

Diese "Performance für die Ohren" möchte keine großen Bilder produzieren, sondern sich nur auf den Klang der Stimme als sinnliches, berührendes Instrument konzentrieren. Man hätte sich alle möglichen Klänge vorstellen können, von der rappenden Beat-Box über schräge Töne, Pfeifen, Kakophonie, bis hin zum melodischen Singen. Aber die drei Performer bleiben die komplette halbe Stunde, die diese Aufführung dauert, bei einer Art Mönchsmurmelgesang, der mal leiser mal lauter wird. Die Erwachsenen schlossen dabei meditativ die Augen, die Kinder wirkten eher unruhig und, nachdem sie das Konzept durchschaut hatten, auch etwas gelangweilt. Ein kleiner Junge fragte seine Mutter, wann denn endlich die Geschichte anfange...

Den Auftakt hätte man sich spannender vorstellen können. Doch das Festival hat gerade erst begonnen, es folgen noch zahlreiche Produktionen von namhaften Gruppen aus Frankreich, Belgien, Schweden und Deutschland – sehr unterschiedlich werden die Ästhetiken sein, die sie präsentieren.

Barbara Behrendt, kulturradio

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