Maxim Gorki Theater; Foto: Gregor Baron
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Maxim Gorki Theater - "Dickicht"

Bewertung:

Kein Mitleid mit den Figuren – das war einer von Bertolt Brechts Grundsätzen beim Dramenschreiben. Und daran hat er sich gehalten: In seinem Stück "Im Dickicht der Städte" lässt er das gesamte Personal im Dschungel der Großstadt untergehen.

Die Hauptfiguren George Garga und Shlink treffen wie bei einem Boxkampf aufeinander – nur, dass der Kampf im echten Leben ausgetragen wird. Am Berliner Maxim Gorki Theater hat Sebastian Baumgarten das Stück jetzt frei nach Brecht inszeniert – und auch hier ist man weit davon entfernt, Mitleid mit den Figuren zu empfinden.

Kein Mitgefühl

Sebastian Baumgarten tut alles, damit man sich nicht mit den Figuren identifizieren kann. Er lässt das Stück auf zwei Ebenen spielen: Einmal als "film noir", der ohne Ton auf einer großen Leinwand gezeigt wird: Durch schummrige Bars bewegen sich die Figuren in hochstilisierten 70er-Jahre-Kostümen, mit Perücken und viel Schminke. Direkt davor sitzen die Schauspieler, ungeschminkt, ganz schlicht in Schwarz, und synchronisieren live ihre Figur. Manchmal hält der Film an und die Spieler geben eine Szene auf der Bühne.

Aber nicht nur diese Verfremdungseffekte verhindern das Mitgefühl – Brecht hat hier keine psychologisch verstehbaren Figuren entworfen. Er hat dem Stück den Satz voran gestellt: "Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über die Motive des Kampfes, beurteilen Sie unparteiisch die Kampfform."

Shlink, die Hauptfigur, ist ein asiatischer Einwanderer, der sich innerhalb von 40 Jahren in Chicago zum reichen Holzhändler hochgearbeitet hat. Er fordert grundlos den mittellosen Amerikaner George Garga heraus. Diesen Garga versucht er zu kaufen und so seine Unabhängigkeit zu testen. Garga lässt sich darauf zwar nicht ein, verliert aber wegen Shlink seinen Job und wird so doch zu Shlinks Gegner. Er ruiniert dessen Holzhandel – und Shlink treibt dafür Gargas Schwester in die Prostitution. Zwei Männer beim Kräftemessen. Im Dschungel der Großstadt Chicago sind sie so einsam, dass ihr Zweikampf der einzige Weg aus der Vereinzelung heraus zu sein scheint. Sie brauchen sich, jeder Schlag und Gegenschlag gibt ihrem Leben einen Sinn im Chaos.

Vollkommen verausgabt

Die Schauspieler geben zum Teil einen Thriller, zum Teil spielen sie aber auch Groteske. Manchmal geht das auf: Thomas Wodianka macht seinen Shlink zu einem kaltblütigen Reptil – ein unangenehmer Finsterling mit hervortretenden Augen, der sich windet wie ein Mann ohne Knochen. Dimitrij Schaad jedoch verausgabt sich wieder als grenzdebile Comic-Figur, die mit Sabber vor dem Mund über die Bühne hinkt – die Kopie einer Rolle, die er schon in einem Fassbinder-Abend am Gorki gibt.

Sebastian Baumgarten hat schon viele Brecht-Stücke inszeniert, mit der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" war er 2014 sogar beim Theatertreffen zu Gast. Doch diese Expertise hat ihm hier kaum genutzt. Eine Überraschung ist das nicht: Baumgarten ist nicht der Erste, der am "Dickicht " scheitert – kaum einem Regisseur ist es in den vergangenen 15 Jahren gelungen, das sperrige Stück wirklich überzeugend auf die Bühne zu bringen. 

Barbara Behrendt, kulturradio

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